Das Denkmal


Sorå schloss die Augen und lauschte in die Dunkelheit.

 

Sie hörte seit geraumer Zeit dem regelmäßigen Atem von Eret zu und versuchte dabei nicht selbst einzuschlafen.

 

Erneut zwang sie ihre müden Augenlider auf und warf einen Blick nach draußen. Sie erkannte die nicht enden wollende Wiese vor sich, den dunklen, bewegungslosen Himmel und den Mond, der sobald es dunkel wurde, immer an der gleichen Stelle schwebte. Er leuchtet genau in ihr Schlafzimmer. Eigentlich beleuchtete er wie die Sonne am Tag ihr ganzes Haus, was nicht weiter schwer war.

 

Ihrem runden Häuschen fehlte die Hälfte. Wie einem Kuchen, aus dem ein großzügiges Stück herausgeschnitten worden war. Die offene Seite ihres Hauses war mit einer unsichtbaren Glasfront verschlossen um zu verhindern, dass jemand aus dem ersten Stock fiel. Aber vermutlich hätte sie sich bei der geringen Höhe sowieso nicht verletzt.

 

Seit geraumer Zeit lag Sorå bewegungslos auf dem Bett. Ihr Rücken fing an zu schmerzen und bemüht langsam wälzte sie sich auf die Seite. Erst als sie sich vergewissert hatte, dass Eret weiterhin tief und fest schlief, erlaubte sie sich aufzuatmen.

 

Sie wollte ihn nicht wecken, denn immerhin wollte sie heute einem Geheimnis auf den Grund gehen.

 

Ein Geheimnis das sie schon sehr lange beschäftigte.

 

Eret wich ihr aus, wenn sie danach fragte und immer, wenn sie sich in der Nacht davonschlich, wachte er kurze Zeit später ebenfalls auf und hinderte sie an ihrem Vorhaben. Als hätte Eret einen eingebauten Wecker, der ihn aus dem tiefsten Schlaf riss, sobald sie das Haus verließ.

 

Sorå warf einen wachsamen Blick über ihre Schulter. Eret´s Gesichtszüge waren entspannt, seine schmalen Lippen leicht geöffnet. Die dunkelbraunen Haare hingen ihm ins Gesicht und reichten ihm bis zu den Augen, die im Moment geschlossen waren.

 

Er schlief tief und fest.

 

Nach wenigen Herzschlägen rang sie sich endlich dazu durch aufzustehen und stemmte sich in die Höhe. Ein weiterer Blick über ihre Schulter versicherte ihr, dass Eret dadurch nicht aufwachte.

 

Auf Zehenspitzen schlich sie zur Treppe, die ins untere Stockwerk führte.

 

Dank dem Mond erkannte sie deutlich die Möbelstücke in der Küche, umrundete den Esstisch samt den beiden Stühlen gekonnt und schlich zur Eingangstüre.

 

Ihre klammen Finger legten sich um den Türknauf, verharrten dort einige Herzschläge und drückten ihn schließlich hinunter. Das lautstarke Quietschen der Türe durchschnitt die nächtliche Stille und ließ Sorå in ihrer Bewegung erstarren. Mit dem Rauschen ihres rasenden Herzens in den Ohren lauschte sie in die Nacht.

 

Kein Rascheln des Bettzeugs, kein Knarzen der Treppe.

 

Eret schlief immer noch.

 

Angespannt atmete sie aus, bevor sie die Türe vollständig öffnete und hinaus schlüpfte.

 

Ihre Füße betraten den fein säuberlich gestutzten Rasen. Sie schlich eilig zu dem weißen Zaun, der ihr kleines Heim umgab, bevor sie umständlich über die Latten kletterte. Kurzzeitig verfluchte sie ihr Nachthemd und ermahnte sich, dass nächste Mal vielleicht doch eine Hose anzuziehen. Erst, als sie das Kunststück fertiggebracht hatte, und sicher auf der anderen Seite des Zauns angelangt war, erlaubte sie sich tief durchzuatmen.

 

Wachsam warf sie einen weiteren Blick zurück zum Haus und ein kleines, siegessicheres Lächeln bildete sich auf ihren Lippen.

 

Sorå drehte sich wieder um und beobachtete die bewegungslosen, kniehohen Grashalme der sie umgebenden Wiese, registrierte die unbewegte Wolkendecke in der Eret und sie immer wieder ein anderes Muster suchten und streckte die Arme aus. Sie wusste nicht genau, ab wann die unsichtbare Barriere begann und sie wollte nicht mit dem Gesicht dagegen rennen. Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen bis ihre Finger die durchsichtige Wand berührten und erneut lächelte sie zufrieden.

 

Die Barriere reagierte auf den Kontakt und kleine Wellen formten sich um ihre Hände, breiteten sich aus und das kleine Kästchen, dass sie gesucht hatte, tauchte wie aus dem Nichts neben ihr auf.

 

Ohne Zögern drückte sie ihre Fingerkuppen auf das Rechteck in dem sich ein Dutzend winziger Tasten befanden.

 

Die Symbole darauf kannte Sorå nicht, aber sie hatte sich schon an so vielen Kombinationen abgemüht, dass sie sich sicher war, bald die Richtige gefunden zu haben.

 

Wenn sie endlich dieses Kästchen entschlüsselt hätte, dann würde sie dieses Gefängnis verlassen können. Aber noch viel wichtiger war, dass sie schließlich erfahren würde, was sich hinter dieser nicht enden wollenden Wiese verbarg.

 

Es musste doch noch jemanden dort draußen geben. Sie beide konnten nicht die einzigen Menschen sein, obwohl Eret nicht müde wurde, dies zu beteuern.

 

Ihre Finger huschten geübt über die Tasten, gaben eine Kombination nach der anderen ein, bis sie vor Schreck aufschrie.

 

„Sorå, was machst du hier? Es ist mitten in der Nacht!“ Eret klang müde und genervt.

 

Sie gab sich nicht einmal die Mühe sich eine passende Ausrede einfallen zu lassen, dafür schloss sich Eret´s Hand sanft, aber unnachgiebig um ihren Oberarm, bevor er sie vom Display weg, in Richtung Haus zog.

 

„Ich will wissen, was dort draußen ist“, erwiderte sie trotzig und stemmte sich gegen seinen Griff.

 

„Sorå!“ Eret blieb stehen und seufzte auf. „Sorå, es ist Nichts dort draußen. Glaub mir doch.“ Seine Stimme klang um vieles versöhnlicher, als er sich zu ihr drehte und sich ein liebevoller Ausdruck auf sein Gesicht legte.

 

„Du kennst die Kombination für dieses Kästchen, nicht wahr?“, hakte Sorå nach und verschränkte störrisch die Arme vor der Brust. „Du musst sie kennen!“

 

„Ich kenne sie nicht und wenn, würde ich sie dir nicht sagen.“ Mit diesen Worten nahm er sie auf seine Arme, als hätte sie kein Gewicht und setzte sie behutsam auf der anderen Seite des Gartenzauns wieder ab.

 

„Du lügst. Ich weiß, dass du mich belügst!“ Mit diesen Worten drehte Sorå sich um und rannte zurück ins Haus. Sie stolperte gegen den Küchentresen und blieb stehen. Verzweifelt presste sie die Augenlider aufeinander und ballte ihre Hände aus schierer Wut und Frust zu Fäusten. Sie wusste, dass er sie anlog!

 

Ganz tief in ihrem Inneren wusste sie, dass irgendetwas bedeutsames nicht so war, wie es hätte sein sollen, aber sie konnte es nicht benennen. Unzufrieden und verärgert stieß sie lautstark die Luft aus. Es war jedesmal das Gleiche. Eret hinderte sie daran, diese Welt dort draußen zu betreten, er bewachte sie. Nur warum, das konnte sie nicht sagen und Eret verlor kein Wort darüber.

 

„Sorå…“ Eret trat hinter sie und legte ihr eine Hand auf den Hinterkopf. „Glaub mir doch. Es ist alles in Ordnung, genau so wie es ist.“ Seine Finger strichen in einer sanften Berührung über ihre Haare, legten sich wieder auf ihren Hinterkopf und vollführten die gleiche Geste erneut. „Du bist nicht glücklich? Sag mir, was ich machen soll?“
„Lass mich raus!“ Sorå schluckte und kämpfte gegen die Tränen an, die sich aus Enttäuschung und Zorn einen Weg bahnten.

 

„Das kann ich nicht, das weißt du. Komm ins Bett. Es ist alles in Ordnung“, erwiderte Eret hinter ihr und strich ihr erneut durch die Haare. „Komm ins Bett, Sorå.“ Er wiederholte den Satz immer wieder und er hatte Erfolg damit. Sie wurde müder, ruhiger, als hätte er einen direkten Draht zu ihrem Unterbewusstsein. Als wüsste er genau, welchen Knopf er bei ihr drücken musste, um sie zu beruhigen. Und sie hasste es! Ihre Gespräche endeten immer so. Immer! Aber sie musste wissen, was dort draußen war. Dieses Verlangen, diese nagende Neugierde und Ungewissheit machten sie wahnsinnig! Sie war sich sicher, dass er sie belog.

 

Eret war immer gut zu ihr gewesen, er hat sie nie verletzt und noch nie war ein beleidigendes Wort über seine Lippen gekommen. Er war sanft und er war zuvorkommend, er liebte sie und gab ihr keinen Grund daran zu zweifeln, bis auf diese Lüge, die einen Keil zwischen sie beide trieb. Der Abgrund der dadurch entstand, war schon zu groß, als das sie sein Verhalten noch länger hätte hinnehmen können.

 

Sie war sich sicher, dass sie ihn einmal geliebt hatte, aber jetzt? Zweifel und Misstrauen gegenüber ihm, hatten in der vergangenen Zeit alles andere im Keim erstickt. Von Tag zu Tag waren sie bohrender, unerträglicher geworden. Er vertraute ihr nicht, wie konnte sie dann ihm vertrauen?

 

Was, wenn alles, woran sie in den vergangenen Jahren geglaubt hatte eine Lüge war?

 

Was, wenn er ihr etwas verheimlichte, etwas Weitreichendes?

 

Ihr Blick glitt in der Dunkelheit über den Tresen und entdeckte ihre Pfanne. Sorå schluckte den Klos in ihrem Hals hinunter, als ihr klar wurde, was sie machen wollte, nein, musste, um an ihr Ziel zu gelangen.

 

Sie konnte nicht mehr anders, sie musste es wissen!

 

Er ließ ihr keine andere Wahl!

 

In einer schnellen Handbewegung griff sie nach der Bratpfanne, drehte sich und donnerte das schwere Gerät gegen Eret´s Schädel.

 

Ein dumpfes, metallenes Geräusch erklang und Eret stolperte zur Seite. Er ging nicht vollständig in die Knie, er strauchelte und das, was sie dann zu sehen bekam, übertraf ihre kühnsten Vorstellungen. Das konnte nicht sein!

 

Es war unmöglich, aber dennoch erkannte sie in Eret´s Schädel Drähte und Metall. Kein bisschen Blut, Fleisch oder Knochen. Nichts, was davon zeugte, dass er ein Mensch war, aber er musste doch einer sein!

 

„Sorå… Sorå… Sorå…“ Er wiederholte ihren Namen scheinbar in einer Endlosschleife und Sorå jagte es eine Gänsehaut über den Rücken.

 

Dann holte sie erneut aus, donnerte die Pfanne wieder auf seinen Kopf und anschließend war alles still. Nur ihr hastiger Atem schien ohrenbetäubend laut. Sie zitterte am ganzen Körper und verharrte starr etliche Momente, bis ihr die Pfanne aus der Hand glitt und sie in Panik das Haus verließ.

 

Sie hatte ihn getötet! Den einzigen Menschen, den sie je gekannt hatte. Er war kein Mensch, berichtigte sie sich energisch, rannte über den Rasen und kletterte ungeschickt über den Zaun, ehe sie wieder vor dem kleinen Kästchen stand.

 

Mit bebenden Finger fing sie an die noch ausstehenden Kombinationen einzutippen. Es dauerte lange, eine gefühlte Ewigkeit, bis das kleine Rechteck hellblau aufleuchtete.

 

Ein leises, mechanisches Zischen erklang dicht an ihrem Ohr und Sorå braucht einige Herzschläge, um zu begreifen, dass ihr sehnlichster Wunsch gerade in Erfüllung gegangen war.

 

Die Barriere öffnete sich und kalte Luft schlug ihr entgegen. Für einen Moment erwog sie, noch einmal zurück ins Haus zu gehen, sich umzuziehen, vielleicht etwas Proviant einzupacken, denn diese Wiese war groß, aber sie verwarf den Gedanken schleunigst wieder.

 

Neugierig spähte sie durch den überdimensional großen Durchgang und entdeckte weder eine Wiese, noch irgendetwas, was sie auch nur annähernd daran erinnerte.

 

Bibbernd, was ihrer Aufregung aber auch der niedrigen Temperatur verschuldet war, durchschritt sie das Portal, betrat einen harten, aufgerissenen Steinboden und glaubte ihren Augen kaum.

 

Der nachtschwarze Himmel über ihr war nur mit wenigen Sternen verziert. Kein Mond, wie sie ihn kannte, dafür prangte eine große, rotleuchtende Scheibe über ihr und füllte den halben Himmel aus.

 

Sie starrte das furchteinflößende Gebilde eine Weile an, bevor sie verstand, dass es sich um einen Planeten handeln musste.

 

Man konnte auf der Oberfläche unzählige kleinere und größere Lichtpunkte erkennen, aber der rötliche Schimmer überstrahlte alles. Die Lichtverhältnisse schmerzten in ihren Augen und Sorå blinzelte die Tränen weg, bevor sie ihre Augen von dieser fremden Aussicht riss und einen Blick zurück in ihr Zuhause warf.

 

Eine durchsichtige Kuppel umspannte das Häuschen, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte. Von außen erkannte man weder die Wiese, die es umgab, noch den ihr so gewohnten Himmel.

 

Was sie jedoch noch mehr erschreckte, war die Tatsache, dass man ohne weiteres jeden Raum, jeden Winkel des kleinen Gebäudes einsehen konnte.

 

Ein weiterer, diesmal entsetzter Schauer jagte ihr über den Rücken, als ihr bewusst wurde, dass man sie immer und überall hatte beobachten können.

 

Beim Essen, beim Schlafen, beim Baden, beim Umziehen und beim… Sex.

 

Angewidert wandte sie sich ab und entdeckte eine weitere, dieser durchsichtigen Kuppeln… und noch eine und noch eine und noch eine.

 

Auf Anhieb erkannte sie auf diesem weitläufigen, in tiefstes Rot getauchten Platz mindestens dreißig solcher Kuppeln, vielleicht waren es sogar noch mehr.

 

Hoffnungsvoll und neugierig näherte sie sich der ersten, erwartete die Sicht auf ein weiteres Häuschen, einen weiteren Menschen, aber sie wurde enttäuscht.

 

Die Kuppel schien vollständig mit Wasser gefüllt zu sein und einige Lebewesen schwammen darin. Es mussten Tiere sein, womöglich Fische von denen Eret ihr erzählt hatte und keine intelligenten Spezies, wie sie und… er.

 

Er war kein Mensch, ermahnte sich Sorå erneut, er war… irgendetwas anderes. Konnte sie überhaupt sicher sein, dass sie ein Mensch war? Vielleicht dachte sie auch nur, dass sie ein Mensch sei, war aber ebenfalls nur ein Ding aus Drähten und Metall.

 

Nein, sie war echt. Sie hatte sich schon oft genug mit dem Messer geschnitten, sie hatte geblutet und sie hatte sich sogar einmal einen Finger gebrochen. Eine Maschine tat das doch nicht, oder?

 

Der Verzweiflung nahe, rieb sie sich mit beiden Händen energisch übers Gesicht, bevor sie sich der nächsten Kuppel zuwandte.

 

Sie konnte noch so viel überlegen und grübeln und würde dennoch zu keinem Ergebnis kommen, denn der Einzige, der ihr wirklich Rede und Antwort hätte stehen können, nämlich Eret, war tot.

 

Behutsam näherte sie sich der nächsten Kuppel, entdeckte große Bäume und schlafende Tiere, die sie nicht kannte.

 

Jede Kuppel, die sie passierte war mit einer Spezies besetzt und der Lebensraum der jeweiligen Tierart angepasst.

 

So wie ihr ehemaliges Zuhause, dachte Sorå sarkastisch, entdeckte kleine Lebewesen, die scheinbar unter der Erde lebten und wieder andere, die luftige Höhen bevorzugten. Sie kannte kaum eines der Tiere, dennoch kamen sie ihr vertraut vor. Irgendetwas in ihrem Verstand wollte sich an den Namen erinnern, aber es ging nicht.  

 

Je mehr Kuppeln sie passierte, umso dringlicher wurde die Frage, was das hier war.

 

Mittlerweile rannte Sorå, passierte die Lebensräume, die Gefängnisse eilig und warf nur noch einen flüchtigen Blick hinein. Sie würde sowieso nur immer das Gleiche sehen und irgendwo musste dieser Platz doch enden. Irgendwo dort vorn musste jemand sein, der ihr ihre Fragen beantworten konnte, oder?

 

Ihre nackten Fußsohlen beschwerten sich schmerzhaft über den harten, rauen Boden, aber Sorå wusste es gekonnt zu ignorieren. Sie rannte weiter und weiter, selbst als abwechselnd helle und dunkle Flecken vor ihren Augen tanzten, blieb sie nicht stehen.

 

Erst, als der Schwindel unerträglich wurde, kam sie schwankend zum Stehen. Ihr Kopf fühlte sich taub an, ihre Lungen brannten und ihre Glieder wurden unsäglich schwer. Sie sackte vor einer Kuppel auf die Knie und warf abwesend einen Blick hinein.

 

Ein wehmütiges Lächeln bildete sich auf ihren Lippen, als sie die kleinen pelzigen Tierchen darin entdeckte, die sich in der Dunkelheit mühelos bewegten, miteinander balgten und Wettrennen veranstalten. Sie kannte diese Tierart, ob von Eret oder ihrem Unterbewusstsein war unwichtig, sie wusste es einfach.

 

„Katzen…“ Das letzte Wort, das sie flüsterte, bevor sie gegen die unsichtbare Barriere fiel und endgültig das Bewusstsein verlor.

 

 

 

 

 

Sorå konnte die Helligkeit, die im Raum herrschte, mit Leichtigkeit durch ihre geschlossenen Augenlider erkennen und es brauchte einiges an Überwindung, sie zu öffnen.

 

Erst, als sie einen sanften Druck an ihrer Hand spürte, zwang sie eines ihrer Augen auf und versuchte in der Helligkeit etwas zu erkennen. Sie badete in Licht, denn nichts anderes war in diesem Zimmer zu erkennen, selbst die Wände und der Boden waren pure Helligkeit.

 

Der Druck um ihre Hand wurde fester und sie drehte den Kopf zur Seite.

 

„Sorå.“ Eret´s Erleichterung war deutlich in seinem makellosen Gesicht abzulesen, seine hellblauen Augen musterten sie forschend und ein beruhigendes Lächeln zierte seine Lippen.

 

War all das, all die Kuppeln, nur ein Traum gewesen?

 

„Eret, ich… ich habe dich geschlagen…“ Sie wusste selbst nicht, ob es eine Entschuldigung oder eine Frage werden sollte, also stoppte sie mitten im Satz und beobachtet das breite Grinsen, das sich in seinem Gesicht ausbreitet.

 

„Schon in Ordnung. Wäre nicht das erste Mal.“

 

„Was?“ Sorå blinzelte träge, spürte immer noch die einnehmende Müdigkeit in ihren Gliedern und kämpfte gegen den Drang an, ihre Augen wieder zu schließen.

 

„Menschen sind neugierig und sie sind beharrlich. Etwas, das sie erst lernen mussten.“

 

„Wer…“ Sorå schloss für einen Moment die Augen, spürte Eret´s Hand in einer beruhigenden Geste auf ihre Wange streichen und sah träge wieder auf.

 

„Es ist alles in Ordnung, Sorå. Du hast nur das Bewusstsein verloren. Die Luft auf Criuq ist für dich unverträglich. Du hättest sterben können, aber sie haben dich rechtzeitig gefunden. Wie immer.“ Erneut lächelte Eret glücklich.

 

„Wen meinst du mit sie, Eret? Was ist das hier? Wieso bin ich hier… hier in diesem Käfig?“

 

„Oh, nein Sorå. Es ist kein Gefängnis, es ist ein Denkmal für euch, für deinen Planeten. Es ist nur so…“ Eret machte eine kurze Pause, in der er sich näher zu ihr beugte. „Die Erde, die Heimat der Menschen existiert schon lange nicht mehr. Er ist nur noch ein toter Felsbrocken im All und die Sonne ist verglüht. Die Vluhazar haben deinen Planeten vor langer Zeit auf ihren Erkundungsflügen entdeckt, erkannt, dass dort einst eine intelligente Spezies gelebt hat und nach Spuren gesucht. Sie haben einen Bunker gefunden, zusammen mit den letzten Überresten, eingespeicherter DNS-Proben. Und sie haben dich gefunden oder vielmehr deine übriggebliebene DNS. Du kannst nicht zurück zur Erde. Es gibt keinen anderen Platz für dich, als hier.“

 

Ein schleifendes Geräusch forderte Sorå´s Aufmerksamkeit. Ihr Blick wanderte träge durch den Raum, ohne die Quelle des Lärms ausfindig zu machen.

 

„Was bist du, Eret?“ Sie stellte die Frage, bevor sie überhaupt wieder zu ihm sah und Eret schien gewillt, diesmal all ihre Fragen zu beantworten. Endlich!
„Ich bin eine KI, geschaffen um für dein Wohlergehen zu sorgen. Mach dir keine Sorgen, Sorå, es wird alles wieder gut. Du wirst alles vergessen und dann gehen wir wieder nach Hause.“

 

„Was? Nein, nein, nein! Ich will nichts vergessen! Bitte, wenn ich mich daran erinnere, dann werde ich nicht versuchen die Kuppel zu verlassen.“ Ihre Stimme hatte einen flehenden Tonfall angenommen. Sie wollte nicht wieder alles vergessen, jetzt, da sie die Wahrheit endlich wusste. Auch wenn diese Wahrheit sie erschütterte, war es doch besser, als in einer Lüge zu leben.

 

„Das haben wir schon versucht, Sorå“, versicherte ihr Eret und drückte behutsam ihre Hand. „Du bist traurig geworden, sehr traurig sogar, bis du dich umgebracht hast. Unwissenheit ist besser für dich. Es wird nicht weh tun, ich verspreche es dir.“

 

Sie hatte sich getötet? Wie lange war sie denn schon hier? Wie oft, hatten diese fremden Wesen sie schon repliziert? Zehnmal? Hundertmal? Diese Frage wagte sie nicht zu stellen, denn die Antwort darauf machte ihr Angst. Auch wenn sie sich sicher sein konnte, dass sie die Erinnerung wieder vergaß, so könnte sie das Wissen darüber keine Sekunde lang ertragen.

 

Vielleicht war der Tod doch besser, als das hier. Ein Leben in einer Lüge, einer Zukunft, die keinen Platz mehr für sie, für die Menschheit, hatte. Ihr Volk war tot, vielleicht sollten die Vluhazar sie auch gehen lassen. Sie konnte den Gedanken nicht weiter ausführen, denn das schleifende Geräusch entpuppte sich als Schritte, Schritte die näher kamen und dunkle Schatten die sich vor ihr aufbauten.

 

„Was ist das?“ Sorå versuchte sich zu bewegen, blieb aber wie festgefroren liegen.

 

„Das sind die Vluhazar. Sie werden alles wieder in Ordnung bringen.“

 

„Sie sollen mich sterben lassen“, bat Sorå ohne viel nachzudenken und sah hilfesuchend zu Eret, dem einzigen Wesen, dass ihr noch annähernd vertraut war, der sie verstand. Doch er schüttelte nur lächelnd den Kopf.

 

„Das werden sie nicht machen, Sorå. Sie wollen dich schützen. Du bist die letzte deiner Art.“

 

„Ich bin die Letzte…“ Sie hauchte den Satz, während Tränen über ihre Schläfen rollten und in ihren hellblonden Haaren versickerten. Sie ließen sie nicht sterben, es gab keine Heimat für sie und keine Hilfe. So allein und hilflos wie in diesem Moment hatte sie sich noch nie gefühlt.  

 

Die Vluhazar kamen näher und doch erkannte Sorå sie kaum. Dunkle Schemen, Schatten die das Licht zu verschlucken schienen, mehr konnte sie nicht erkennen. Doch die Angst, die diese fremde Spezies in ihr auslöste, war schier überwältigend. Ihre Hände krallten sich in Eret´s Hand und sie spürte, wie sie unkontrolliert zitterte.

 

„Alles wird gut, Sorå. Ich bin hier…“, versuchte Eret sie zu beruhigen, doch sie unterbrach ihn mit bebender Stimme.

 

„Eret, bitte… sag ihnen, dass ich einen Wald statt der Wiese möchte. Einen Wald, der sich im Wind bewegt und Tiere zum beobachten. Vögel, Hasen, Rehe, Schmetterlinge und… und Eret? Kann ich ein Kätzchen haben?“ Weitere Tränen der Verzweiflung und Angst bahnten sich einen Weg und das bekannte Gesicht von Eret verschwamm vor ihren Augen.
„Ich rede mit ihnen. Sie stimmen mit Sicherheit zu, Sorå. Sie wollen, dass es dir gut geht und das will ich auch. Entspann dich. Alles wir gut. Ich bin bei dir…“

 

Diesmal ließ sie es zu, dass Eret´s Stimme sie einlullte. Sorå spürte, wie sich ihre Panik legte, ihre Augenlider zufielen und sich eine vertraute, wohlige Dunkelheit ausbreitete. Sie konnte nichts dagegen machen, nichts an ihrer Lage ändern und Unwissenheit wäre vielleicht doch ein Segen.

 

Sie schlief ein und als sie das nächste Mal ihre Augen aufschlug, war das erste was sie entdeckte, ein kleines, weiches, schnurrendes Fellknäuel in ihrem Schoß…

 


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