Brandende Flammen


Missmutig ließ Phoebe ihren Blick durch den Saal wandern. Zum widerholten Male schüttelte sie angeekelt den Kopf, als einer der Kellner ihr ein Getränk reichen wollte und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.

Das hier war eine Farce. Allein die Kristallleuchter und die aus Eis geschnitzten Figuren waren eine Obszönität, die Phoebe anwiderte.

Dass diese ganze Veranstaltung auch noch auf einem Raumschiff stattfand und jeder von ihnen ein übertrieben luxuriöses Quartier erhalten hatten, setzte dem allem noch die Krone auf.

Diese Bastarde rechneten mit einem Vermögen!

Wut tobte in Phoebes Brust. Wie konnten sie es nur wagen. Sie versteigerten hier ein lebendes, atmendes Wesen. Eines, das womöglich das Letzte seiner Art war und machten daraus das hier! Eine in jede Einzelheit geplante, pompöse, vollkommen übertriebene Inszenierung!

Als ginge es hier um ein Ausstellungsstück, ein lebloses Ding.

Grantig mustere Phoebe die Leute um sich herum. Viele davon waren vermutlich Privatkäufer, Sammler, die sich den Phönix ins Wohnzimmer stellen würden, lebendig oder auch ausgestopft.

Allein der Gedanke versetzte Phoebe in Rage. Wie sie hier ausgelassen feierten, ihre Champagner-Kelche aneinander schlugen und sich mit Anekdoten über ihr geschäftiges Leben zu übertreffen versuchten.

Es war lächerlich. Bemitleidenswert.

Ihre Aufmerksamkeit wanderte zu einer Frau, die ebenfalls etwas abseits der Menge stand und sich über ihr Com-Gerät mit jemandem unterhielt.

Phoebe war sich sicher, dass sie von einem der Pharmakonzerne geschickt worden war.

Lebensverlängernde Maßnahmen waren zur Norm geworden, sofern man es sich leisten konnte. Die Unsterblichkeit des Phönix schien dabei nur der nächste Schritt zu sein.

Vermutlich hatte die Vertreterin Milliarden, möglicherweise sogar Billionen zur Verfügung.

Davon konnte Phoebe nur träumen.

„Und Sie scheinen von WTO zu sein, der Schutzorganisation für aussterbende Arten, nicht?“

Phoebe wirbelte zu der Stimme herum und hob warnend eine Augenbraue. Der Mann vor ihr steckte in einem Smoking erster Güte. Mit einem gewinnbringendes Lächeln auf den Lippen hielt er ihr einen Cocktail entgegen.

„Wollen Sie nicht?“, hakte er nach und nippte seinerseits an seinem Cognacglas. „Ich habe bemerkt, wie Sie jeden der Kellner ignoriert haben, der Ihnen einen Champagner reichen wollte. Für mich wäre das auch nichts.“ Trotz dem freundlicher Ausdruck in dem kantigen Gesicht, entging Phoebe nicht, dass er sie wachsam musterte. Sie traute ihm nicht und nachdem sie ihn ihrerseits in Augenschein genommen hatte, wusste sie auch warum. Sie hatte einen siebten Sinn, wenn jemand vom Militär vor ihr stand.

„Und Sie sind von der Allianz, richtig?“

Echtes Erstaunen huschte über sein Gesicht.

„Und ich habe mir solche Mühe gegeben, wie einer dieser Geschäftsmänner hier auszusehen… Jetzt nehmen Sie schon.“ Auffordernd hob er die Hand mit dem bunten Cocktail an. „Ich habe nichts hinein geschüttet, falls Sie das glauben. Und ohne Alkohol ist er auch.“ Dann folgte ein schelmisches Zwinkern und Phoebe nahm mit missmutig zusammengepressten Lippen das Glas entgegen.

„Also, woran habe Sie es erkannt?“, hakte er nach und lehnte sich lässig gegen die Luke neben sich, aus der man das All bewundern konnte. Sofern man für so etwas an diesem Abend die Muse dafür hatte.

Das Militär war auch so eine Sache. Das Interesse an dem Phönix von Seiten der Allianz hatte weniger mit Schönheit, als mit Pragmatismus zu tun. Widerstandsfähiger Soldaten bedeutete weniger Truppen, die in den Einsatz geschickt werden mussten. Am besten wären natürlich Männer und Frauen, die noch Tod auf dem Schlachtfeld kämpften. Aber soweit, dass die Apokalyptischen Zombie-Szenarien über sie hereinbrachen war es noch nicht. Wenn es nach Phoebe ging, würden sie auch niemals dort ankommen.

Keiner der hier anwesenden Personen war auch nur ansatzweise dafür geeignet sich um einen Phönix zu kümmern. Jeder von ihnen hatte eigennützige Motive, nichts, was dem Wesen half.

„Ihre Hose beult sich“, beantwortete Phoebe endlich die Frage und brachte den Soldaten zu einem breiten Grinsen. Sein Blick glitt an sich herunter, dann sah er wieder zu ihr auf. Ein spitzbübisches Leuchten in den hellblauen Augen.

„Das tut mir leid, aber Sie sind genau mein Typ.“

Eine plattere Anmache fiel ihm wohl nicht ein? Genervt rollte Phoebe mit den Augen und versuchte das Bedürfnis loszuwerden, ihm zwischen die Beine zu treten.

Dann machte sie einen Schritt vor, platzierte ihr Bein genau zwischen seinen und drückte ihren Oberschenkel dort hin, wo Männer empfindlich waren.

Ein Zischen folgte, eindeutig ein überraschtes und gleichzeitig gequältes.

Dann schlug Phoebe mit der flachen Hand gegen die Außenseite seines Oberschenkels und traf zielsicher die Waffe darunter.

„Ich meinte das hier!“, zischte sie und fletschte die Zähne wie eine verärgerte Raubkatze. „Oder die hier.“ Mit dem anderen Fuß schlug sie gegen etwas an seinem Schienbein. Ein dumpfer Ton erklang, der in der anhaltenden Geräuschkulisse vollkommen unterging.

„Sie sind gut“, stellte er nicht ohne ehrliche Bewunderung fest. „Spezialeinheit oder Geheimdienst.“ Es war keine Frage, eher eine laut ausgesprochene Überlegung, dennoch schüttelte Phoebe den Kopf und trat wieder zurück. Dann nippte sie an dem bunten Cocktail um sich das zufriedene Grinsen zu verkneifen.

Erst, als sie sich sicher war, ihre Mimik wieder unter Kontrolle zu haben, sah sie auf.

„Weder noch.“

„Weder noch?“, widerholte ihr Gegenüber irritiert und legte nachdenklich den Kopf schief. Als er zu dem Schluss kam, dass sie ihm diese Frage nicht beantworten würde, streckte er ihr seine Hand entgegen. „Alasdair Maarouf, Major der Allianz.“

Damit, dass er sich ihr vorstellte, hätte sie nun nicht gerechnet. Etwas irritiert kam sie seiner Aufforderung nach und hob ihren Arm. Seine Haut fühlte sich warm.

„Phoebe“, erwiderte sie knapp und entlockte ihm ein Stirnrunzeln.

„Nur Phoebe?“

„Nur Phoebe“, bestätigte sie und zog ihre Hand zurück. Die Berührung brachte sie unerwartet durcheinander.

„Also Phoebe von WTO, wie sieht es aus? Die Allianz hat keinerlei Erfahrungen damit, Tiere artgerecht zu halten. Wir könnten etwas Hilfe gebrauchen und dafür…“

„Sind Sie noch ganz bei Trost?“, unterbrach Phoebe ihn ungehalten. „Sie schlagen mir allen Ernstes eine Zusammenarbeit vor?“
„Warum nicht?“ Alasdair nippte an seinem Cognacglas und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. „Denken Sie etwa, die Pharmakonzerne kooperieren nicht miteinander, oder die privaten Aktionäre. So wie ich das sehe, läuft die Auktion auf einen Milliardenbetrag hinaus. Kann die WTO sich das leisten?“

„Mehr als die Allianz seit ihrer letzten Pleite mit den Reaktionssynthesizer“, grummelte Phoebe und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass sie ihm so viel preisgab.

Abermals huschten Alasdairs Augenbrauen verwundert in die Höhe als er sie musterte. Diesmal fragte er jedoch nicht nach. Sich anscheinend im unklaren, was er von ihr halten sollte.

„Und?“, hakte er schließlich einsilbig nach und Pheobe schnaubte aus, ehe sie ihren Cocktail auf eines der vorbeischwebenden, leeren Tabletts stellte.

„Nein.“

„Nein? Warum?“
„Ich wüsste nicht, was an den Laboren der Allianz besser sein sollte, als an denen von Pharmatix.“ Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen erklang im Saal ein Gong. Auf der Tribüne am anderen Ende des Saals, erschien in einem gelben Scheinwerferlicht der Auktionator.

„Meine Damen und Herren! Willkommen! Bitte, nehmen Sie Ihre Plätze ein, damit wir beginnen können“, forderte er sie in einem sonoren Singsang auf, den Phoebe den Epsilon-Vendrizi-Außenwelten zuordnete.

Die Lichter im äußeren Bereich des Raumes wurde herunter gedimmt, während Lichtkegel die Tische in der Mitte des Saals anvisierten.

Runde, übertrieben dekorierte, gläserne Tischplatten, umringt von drei bis fünf Stühlen.

„Warten Sie?“ Alasdairs Hand schoss vor und packte Phoebe am Ellbogen. „Hören Sie das nicht?“
Einerseits irritiert über sein Verhalten, andererseits unruhig wegen der Berührung versuchte Phoebe in dem anhaltenden Plappern, Lachen und Gläserklirren etwas herauszuhören, was den Major aufhorchen ließ.

Als sie nichts wahrnahm, schüttelte sie den Kopf und entzog ihm seinen Ellbogen.

„Was sollte ich denn hören?“

„Dieses Summen. Es ist kaum lauter, als die Schiffsmotoren, aber war bis vorhin noch nicht da.“

„Aha“, entwich es Phoebe und kämpfte gegen den Drang an, ihre Arme vor der Brust zu verschränken und wenn es auch nur deswegen war, weil sie damit verhindern wollte, dass er sie abermals berührte. Das Abendkleid verfluchend, wandte sie sich den Tischen zu und musterte die folgsamen Gäste, die allesamt ihre Plätze einnahmen.

Sie hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, ihren Tisch ausfindig zu machen. So aber erschien es ihr als ausgesprochen einfach, immerhin musste sie dann nur noch nach einer Lücke zwischen den Stühlen suchen und ihr Namensschild finden.

Als der Veranstalter die Nachzügler abermals dazu aufforderte ihre Plätze einzunehmen, setzte Phoebe sich in Bewegung, dicht gefolgt von dem Allianz-Soldaten.

Überraschenderweise brauchte sie nicht lange zu suchen. Einer der wenigen Tische mit nur drei Stühlen, auf den sie direkt zugesteuert war, war ihr Ziel. Nur ein Platz war im Moment belegt, von einem älteren Herrn mit schütterem Haar, die anderen zwei Stühle waren frei.

Als Phoebe die zwei Namen überflog musste sie angestrengt ein Seufzen unterdrücken. Ernsthaft? Sie saß ausgerechnet mit dem Allianz-Soldaten an einem Tisch!

„So ein Zufall“, grinste Alasdair neben ihr und ließ sich in den gepolsterten Stuhl plumpsen. Phoebe folgte mit einem lautstarken Seufzen.

„Gut…“, war abermals der Veranstalter zu vernehmen, „…da endlich alle ihre Plätze eingenommen haben, kommen wir zum Höhepunkt am heutigen Abend.“

Ein Rattern erklang, wie Rollen auf Metall, dann kam eine Kiste in Phoebes Sichtfeld.

Sie war mit einem weißen Tuch verdeckt und wurde durch zwei Mitarbeiter in Richtung des Auktionators gerollt.

Der Kasten verdeckte beinahe den Mann. Dieser jedoch ließ sich davon nicht stören und setzte ein zufriedenes Lächeln auf.

Alasdair neben ihr fingerte an der weißen Tafel herum, die jeder vor sich liegen hatte, um an der Auktion teilnehmen zu können.

„Hmm…“, brummelte er und Phoebe hätte beinahe genervt aufgestöhnt. „Hat Ihre eine Nummer?“

„Natürlich hat sie die“, erwiderte Phoebe ohne den Blick von dem Veranstalter zu nehmen und griff nach der Tafel. „Sonst könnte doch niemand von uns…“ Ihre Stimme erstarb, als sie selbst einen Blick darauf warf. Das Schild war leer, keine Nummer, kein Display, keinen Einschaltknopf, einfach nur ein aus weißem, hochwertigem Plexiglas geschliffenes Schild.

„Das ist aber seltsam…“, entwich es ihr, ehe erstauntes Keuchen und Rufe aus der Menge ihre Aufmerksamkeit wieder zu der Bühne führte.

Der Auktionator hatte das Tuch von der Kiste gerissen und das drunter liegende Geheimnis gelüftet. Phoebe entwich ein missbilligender Laut.

„Das ist kein Phönix, sondern ein Vandrizi aus Ch´Koria 9.“

„Sind Sie sicher?“ Alasdair lehnte sich zu ihr, das seltsame Schild war vergessen.

„Natürlich. Denken Sie nicht, ich sollte mich damit auskennen?“ Damit stand Phoebe auf und wollte den Raum verlassen. Sie hatte es beinahe geahnt. Das hier war ein Streich, eine Möglichkeit betuchte Kunden über den Tisch zu ziehen. Sie hatte hier nichts verloren.

Sehr zu ihrer Überraschung kam sie nicht weit. Keine zwei Schritte hatte sie sich vom Tisch entfernt, als sie gegen eine unsichtbare Barriere rannte. Der Aufprall brannte, als berührte sie ein Feuer und schleuderte sie zurück, genau in Alasdairs Arme.

Als ob sie heute nicht schon genug mit dem Mann zu tun gehabt hätte! Ungehalten kämpfte sie sich aus seiner zuvorkommenden Hilfe und starrte dafür die unsichtbare Wand nieder.

„Ein Kraftfeld“, murmelte der Allianz-Soldat hinter ihr. „Erklärt den summenden Ton.“

„Implantate?“, mutmaßte Phoebe, ohne sich zu ihm umzudrehen und streckte vorsichtig eine Hand aus.

„Unter anderem“, bestätigte Alasdair und schnappte ihr Handgelenk. „Ich würde es nicht noch einmal berühren. Ist vermutlich genau so schmerzhaft wie zuvor.“ Belustigung klang in seiner Stimme mit, während die Stimmung im Saal zu kippen schien. Offenbar war sie nicht die einzige, die den Fehler erkannt hatte und gehen wollte. Ein Blick in den Saal genügte um zu erkennen, dass sich um jeden der Tische ein durchsichtiger Käfig gesenkt hatte.

„Bitte, beruhigen Sie sich!“, verlangte der Auktionator und hob beschwichtigend die Arme. „Es wird sich alles klären. Sobald unsere Lösegeldforderungen beglichen wurden, können Sie wieder Ihrer Wege ziehen.“

Alasdair neben ihr machte ein Geräusch, als hätte er schon mit diesem Statement gerechnet.

„Die Allianz zahlt kein Lösegeld“, erläuterte er tonlos, den Blick starr auf den Mann auf der Bühne gerichtet.

„Tja, die WTO auch nicht“, erwiderte Phoebe, zumal sie nicht von der WTO geschickt worden war.

Ihre Aufmerksamkeit huschte zu dem älteren Mann an ihrem Tisch, der entweder kurz vor einem Heulkrampf oder Nervenzusammenbruch war. Erst jetzt bemerkte sie, dass sein Anzug nicht so neu und makellos war, wie bei den anderen Gästen.

Entweder war er als unliebsamer Mitarbeiter geschickt worden, mit der Möglichkeit sich noch einmal zu bewähren, oder er war ein mitteloser Milliardär, der sich hier nur kostenlos durchfuttern hatte wollen.

Das war nicht gut.

Ehe sie jedoch auch nur einen Gedanken an Flucht verschwenden konnte, hob ein Antigravitationsfeld sie von den Füßen. Nur sie, Alasdair und den mittellosen Milliardär – sofern es so etwas überhaupt gab.

Der Tisch, samt der sündhaft teuren Dekoration darauf blieb unberührt zurück.

Phoebe keuchte auf, als sich die Welt um sie zu drehen begann. Sie verfluchte ihr rotes Kleid, das zwar bodenlang war, aber einen Schlitz bis zur ihrer Hüfte hatte.

Verbissen versuchte sie dem sich aufbauschenden Stoff Einhalt zu gebieten, damit ihre Abendgarderobe nicht ohne sie davon schwebte.

Nach den aufkeimenden Rufen und Protesten schien es den anderen Gästen nicht besser zu ergehen. Worin der Sinn darin bestand, blieb Phoebe im Moment verborgen. Viel wichtiger war es, sich einen Weg aus dieser Misere zu suchen.

„Geben Sie mir Ihre Hand“, forderte Alasdair sie auf. Er schwebte zu weit von ihr entfernt, mühte sich dennoch damit ab, irgendwo Halt zu finden.

„Sie machen wohl Witze?“, zischte Phoebe und wusste jetzt schon, dass, wenn sie ihr vermaledeites Kleid los ließ, in einem Meer aus glitzernden Pailletten ertrinken würde.

„Kein Scherz!“, erwiderte der Allianz-Major ernst und Phoebe folgte seinem angespannten Blick in Richtung Decke.

„Waahh….“ Eigentlich sollte das Geräusch aus ihrem Mund eine Frage werden, endete jedoch in einem erschrockenen Aufschrei.

Die Strahler an der Decke waren keine gewöhnliche Beleuchtung. Zu spät erkannte sie, dass es sich um eine transdimensionale Graphenphase handelte, ein Transportsystem um Materie binnen Sekunden ans andere Ende der Galaxie zu befördern, falls es nötig wäre.

Im schlimmsten Fall endeten sie direkt IM All und angenehm wäre die Reise auch nicht.

Das Handelsabkommen der Föderation verbot es, damit lebende Materie zu befördern. Ihre Gastgeber schienen sich jedoch nicht darum zu scheren.

Die Graphenphase zog sie an, wie ein reißender Fluss, der sich durch einen schmalen Durchgang pressen musste.

Die Wucht drückte Phoebe die Luft aus den Lungen. Sämtliche Konturen verschwammen. Ihr Körper fühlte sich an, als müsse er in eine viel zu kleine Kiste passen. Der Transport dauerte keine Sekunde, riss und zerrt an ihrem Körper und schien nicht für sie gemacht. Einen Moment befürchtete sie sterben zu müssen, dann war es vorbei.

Der Aufprall auf dem Boden kam ihr geradezu sanft vor.

„Alles in Ordnung?“ Alasdairs Stimme  drang nur mäßig durch das Rauschen in ihren Ohren, aber sie nickte automatisch und versuchte ihre Glieder zu ordnen.

„Das ist nicht gut… das ist nicht gut…“ Als Phoebe aufsah, entdeckte sie den älteren Mann neben sich knien und hin und her wiegen. Immer noch wollte ihr Kopf und ihr Körper nicht so ganz zusammen passen und sie fragte sich, was mit dem guten Mann los war, als ihr die schweren Eisentore hinter ihm auffiel.

„Eine Luftschleuse…“, murmelte sie eher zu sich selbst, als zu einem der beiden Männer.

„Sieht nicht gut aus.“ Alasdair hatte ihr geholfen sich in der senkrechten zu halten und Phoebe nickte ihm zu, um ihm einerseits zuzustimmen und anderseits zu signalisierten, dass er sie jetzt loslassen konnte.

„Scheint, als wären wir entbehrlich.“ Phoebe jagte eine Gänsehaut über die Arme, als sie ihren Gedanken laut aussprach.

„Außer, sie behandeln alle ihre Gäste so zuvorkommend, mit einer Luftschleuse vor der Nase. Da hat mir die erste Unterkunft wesentlich besser gefallen.“ Der Allianz-Soldat stemmte sich auf und musterte den leeren Raum.

Phoebe tat es ihm gleich und kam auf die Beine. Dann suchte sie sich an dem Schlitz ihres Kleides eine passende Stelle riss den Stoff mit Hilfe ihrer Zähne auseinander. Das Endergebnis war eine kürzere Version ihres Abendkleides.

Einige lose Fäden hingen mitleiderregend vom Saum herab und abgerissene Pailletten verteilten sich zu ihren Füßen.

Als sie aufsah, bemerkte sie Alasdairs verwunderten Gesichtsausdruck. Offenbar hatte er aufgehört den Raum zu sondieren und schenkte dafür ihr seine Aufmerksamkeit.

„Was?“, zischte Phoebe und ließ den überschüssigen Stofffetzen fallen.

„Gar nichts…“ Alasdair zuckte mit den Schultern und wandte seine Aufmerksamkeit der einzigen Öffnung zu, die sie in das Raumschiff brachte.

„Kein Spruch wie: Dabei hätte ich Ihnen behilflich sein können? Oder: Denken Sie nicht, das hier ist der falsche Ort dafür?“, plapperte Phoebe und steuerte das metallene Viereck neben der versiegelten Türe an.

„Jetzt, wo Sie es sagen.“ Sie konnte das Grinsen auf seinem Gesicht sogar in seiner Stimme hören, dafür musste sie sich nicht einmal umdrehen. Kopfschütteln zog sie sich den einzigen ihr verbliebenen Schuh von den Füßen. Die hohen Hacken hatte sie sowieso nie gemocht.

Mit dem spitzen Absatz versuchte sie schließlich die 10 auf 10 cm große Metallplatte aus der Wand zu stemmen. Aber auch nach dem dritten Versuch wollte es ihr nicht gelingen.

„Hier, versuchen Sie es damit.“ Alasdair hielt ihr ein flaches Metallstück entgegen, einen Dietrich. Als sie ihren Kopf zu ihm drehte, konnte sie beobachten, wie er sich gerade wieder in seinen Schuh kämpfte.

Belustigung zupfte an ihren Mundwinkeln. Wären ihre Schuhe nicht so verdammt unbequem gewesen, hätte sie selbst daran denken können.

Sie nahm ihm das stabile Werkzeug aus der Hand. Die flache Spitze ließ sich problemlos in den schmalen Spalt schieben und keine Sekunde später sprang die Metallplatte aus ihrer Verankerung.

Darunter verliefen unzählige Kabel und Leitungen in den unterschiedlichsten Farben.

„Das hier.“ Der Allianz-Soldat griff an ihr vorbei und deutete mit dem Finger auf ein blau schimmerndes Kabel. „Und dieses.“

„Vielleicht, sollten Sie das machen. Ich war nie besonders darin.“ Phoebe drehte sich zur Seite, um nicht im Weg zu sein.

Wenn es nötig gewesen wäre, hätte sie schon einen Weg hier raus gefunden, nur so war es einfacher.

Dann, ohne dass Alasdair auch nur eines der Kabel berührt hätte, zischten die Verbindungen der Luftschleuse. Leben kam in die dicken, metallenen Scharniere und ein warnender Alarm erklang.

„Oh-oh…“, entwich es dem Soldaten neben ihr, ehe er sich hastig den Kabeln zuwandte.

„Kommen Sie hier her!“, forderte Phoebe den älteren Mann auf, der immer noch mitten im Raum kauerte und sich selbst bemitleidete. Er schien sie nicht einmal zu hören.

Im ersten Moment wollte sie auf ihn zu laufen, ihn auf die Beine und dann mit sich zerren, als die Schleusentore sich öffneten. Die atembare Atmosphäre wurde aus dem Raum gesaugt, so schnell und heftig, dass es Phoebe von den Beinen riss.

Kälte verschlang sie und ein weiterer Ruck jagte durch ihren Körper. Ihre Schulter wurde dabei beinahe aus dem Gelenk gerissen.

Sie atmete aus, sich deutlich bewusst, dass ihre Lungen kurz davor waren zu explodieren. Der ältere Mann, dessen Namen sie nicht einmal gekannt hatte, war schon längst in der Dunkelheit verschwunden.

Fassungslos starrte sie auf die Schwärze des Alls unter ihren Füßen. Sie hätte nicht herkommen sollen, schallt sie sich stumm. Aber sie hatte Gewissheit gebraucht.

Dann sah sie nach oben. Der Griff um ihr Handgelenk überflutete ihren Verstand beinahe noch mehr, wie das anhaltende Bedürfnis tief einzuatmen. Sie holte Luft, konnte atmen, aber nur, weil der anhaltende Luftstrom aus dem Flur dahinter es noch ermöglichte.

Sekunden… Alles, was blieb waren Sekunden.

Der Allianz-Soldat hatte es geschafft die innere Türe zu öffnen und sich am Rahmen festzuhalten. Die Kraft sie beide in den Flur dahinter zu ziehen fehlte ihm jedoch. Eigentlich hätte er loslassen müssen um sich zu retten, tat es aber nicht. Noch während Phoebe abwäget ob sie ihm diese Entscheidung abnehmen sollte, rollten die schweren Schleusentüren zu. Gemächlich verengte sich das Klaffende Loch ins Weltall, bis die Metalltore sich geschlossen hatten.

Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit prallte Phoebe auf Metall. So langsam reichte es!

Mit zusammengebissenen Zähnen rappelte sie sich auf und versuchte den pochenden Schmerz in ihrer Schulter zu ignorieren.

Hastig hetzte sie mit Alasdair durch den Durchgang und schnappte im Flur nach Luft. Ihr Hals fühlte sich rau an, ihre Lungen brannten und ihre Augen tränten.

„Das war verdammt knapp…“, hustete der Soldat neben ihr und Phoebe stimmte ihm stumm, aber nickend zu.

„Geben Sie mir Ihre Zweitwaffe“, verlangte sie, noch ehe sie sich richtig erholt hatten.

„Können Sie damit umgehen?“ Alasdair musterte sie mit diesem gleichbleibend verwunderten Ausdruck in den Augen, als könne er sie immer noch nicht einschätzen.

„Durchaus.“ Auffordern streckte sie ihm ihre Hand entgegen. Anstandslos drückte der Major ihr die Pistole in die Hand, zog seinerseits eine Automatik aus der Halterung und wandte seine Aufmerksamkeit dem Flur zu.

Keine zehn Meter vor ihnen machte er eine Biegung. Alarm schrillte immer noch und machte es unmöglich zu hören, ob sich ihnen jemand näherte.

„Wir sollten von hier verschwinden“, entschied Phoebe und ging voran, die Waffe erhoben. Wenn sie sich nicht vollkommen irrte, kam ihr dieser Bereich sogar bekannt vor. Irgendwo hier musste der Hangar sein und somit ihr Schiff.

Sie warf sich gegen die Kante der Mauer und spähte um die Ecke.

„Lassen Sie mich vor. Infrarotsicht“, erklärte Alasdair knapp und übernahm die Führung. So arbeiteten sie sich ein gutes Stück den Flur entlang, ohne von jemandem behelligt zu werden.

„Ich habe nachgedacht“, warf der Allianz-Soldat nach der nächsten Biegung ein. „Wenn Sie vom Geheimdienst, hier aber Inkognito sind, würden Sie mir natürlich nicht sagen, dass Sie zum Geheimdienst gehören, richtig?“

Unwillkürlich entwich Phoebe ein amüsiertes Geräusch. „Gut kombiniert Sherlock.“

„Ha, ich wusste es. Hey, Phoebe, sofern das Ihr richtiger Name ist. Falls wir das hier überstehen, kann ich Sie zu einem Essen überreden?“
„Sie wollen eine Verabredung?“

„Warum nicht?“, kam die Gegenfrage von Alasdair.

„Nein.“

„Nein? Warum?“

„Ich habe solche Typen wie Sie zu Genüge kennengelernt. Mehr als einen.“

„Welcher Typ Mann bin ich denn Ihrer Meinung nach?“, hakte der Allianz-Soldat nach und klang dabei übertrieben beleidigt.

„Die Sorte Draufgänger. Die Sorte Mann, die draufgeht, wenn er geht.“

„Oh…“, entwich es dem Allianz-Soldaten, was nichts mit ihrem Kommentar zu tun hatte. Gerade hatte er einen Blick um die nächste Biegung gewagt und lehnte sich hektisch wieder zurück. „Schwierigkeiten!“

Kaum hatte er das Wort ausgesprochen rollte eine Handvoll Granaten in ihr Sichtfeld. Lieber wollten sie die halbe Station zerstören, als sie gehen zu lassen?

Alasdair rappelte sich gerade auf, wollte sich wohl schützend auf sie werfen. Aber Phoebe wich aus, sorgte dafür, dass er an ihr vorbei auf dem Boden landete und somit sie zwischen ihm und den Granaten stand.

Ungläubig prallte Alasdair auf dem Boden auf, zwischen lähmender Angst und antrainierter Reaktion gefangen, sah er zu ihr auf.

Dann brach die Hölle aus. Die Detonation war gewaltig. Ein ohrenbetäubender Knall schien sein Trommelfell zu zerreißen, während ihm Hitze entgegenschlug, die seine Haut zu verbrennen drohte.

Seine Augen brannten, tränten und dennoch konnte er sie nicht vor dem Anblick verschließen, der sich da vor ihm abspielte.

Die Flammen schienen keinen freien Willen mehr zu haben. Sie wölbten sich, wie brandendes Meer, dass gegen Klippen schlug. Kein Funke erreichte ihn, aber die Frau vor ihm schien darin zu baden, nur, dass Phoebe nicht  mehr menschlich wirkte.

Langsam realisierte sein Verstand, dass das dort vor ihm ein Phönix sein musste. Ein Wesen aus Licht und Feuer. In seiner Urgestalt wirkte er wie ein gewaltiger Raubvogel, mit Schwingen so groß, dass sie die beiden Wände des Flurs problemlos berühren konnten.

Aber, wieso sah er wie ein Mensch aus?

Wieso nicht? Hallte es in seinem Kopf wieder. Alles hatte seine Evolution.

Die Flammen erstarben. Dicker Qualm schien sie auszulöschen und ein unangenehmer Hustenreiz schüttelte seinen Körper, während er den Blick nicht von dem Phönix abwenden konnte. Erst in seiner menschlichen Gestalt erkannte Alasdair, warum Phoebe in der Bewegung erstarrte.

„Das… hatte ich nicht bedacht…“ Ihre Stimme war rau und kaum zu verstehen, was an dem Pfeifen in seinen Ohren lag oder an dem plärrenden Alarm im Flur.

Aber auch so sah er, dass das durch die Gewalt der Explosion herausgerissene Metallstück, sie in Bauchhöhe durchbohrt hatte.

Ehe Phoebe auf dem Boden aufschlug, war Alasdair bei ihr. Ihr Körper glühte, brannte regelrecht auf seiner Haut. Dennoch hob er sie hoch. Hustend und mit tränenden Augen steuerte er die nächstbeste Türe an, die sich nur unter quietschendem Protest öffnete.

Ungläubig fand er sich im Hangar wieder, suchte hastig sein Schiff und stolperte die noch nicht einmal vollständig geöffnete Rampe hinauf.

„Ich bringe Sie zu einem Arzt!“, versicherte er, während er Phoebe behutsam auf dem Boden des Flurs ablegte.

„Eve, Schiff starten!“, verlangte er von der Schiffsinternen-KI.

„Zielkoordinaten?“, hallte die blecherne Stimme durch die Lautsprecher, während sie die Luke in seinem Rücken schloss.

„Das nächstgelegene Krankenhaus!“

„Die Raumstation Midway“, erläuterte die Schiffs-KI, ohne das Alasdair es wirklich wahrnahm.

Mit fahrigen Bewegungen streifte er sein Jackett ab und legte es über Phoebes nackten Körper. Die Flammen hatten alles verschlungen, was nicht zu ihr zu gehören schien. Selbst die Brosche in ihren Haaren fehlte, nur ihre roten Strähnen waren makellos, genau wie ihre Haut – wenn man von der Verletzung in ihrem Bauch absah.

Bevor er aufspringen konnte, krallten sich ihre Finger in seinen Arm.

„… spät… Be…nu…“

„Was?“, hakte Alasdair nach. Er verstand kein Wort. Ihre Stimme gab kaum an.

„…Be… Benu…“ Das letzte Wort aus ihrem Mund, bevor ihre Augen zufielen und ihr Kopf zur Seite kippte.

Fassungslos starrte er auf die leblose Frau vor sich, dann schaltete sein Gehirn wieder. Er sprang auf um nach dem Ersten Hilfe Kasten zu greifen, wurde jedoch von den auflodernden Flammen zu seinen Füßen davon abgehalten, ihn einzusetzen.

Sein Jackett wurde von dem Feuer verschlungen und es roch nach Ruß.

Im ersten Moment wollte er nach dem Feuerlöscher greifen, verkniff es sich jedoch, als die Flammen keinen Moment später abflachten und nur einen qualmenden Aschehaufen hinterließen.

Und darin ein Ei.

Mit offenstehendem Mund starrte er das seltsame Gebilde vor sich an. Außer, dass das Ei so groß war, wie sein Unterarm lang, schien es vollkommen gewöhnlich zu sein. Nur helle rote Flecken und Rußspuren erinnerten noch daran, dass in dem Ei kein herkömmliches Geflügel steckte.

Fassungslos wischte er sich mit einer Hand durch die Haare.

Sein Verstand wollte, konnte nicht verstehen, was hier gerade passiert war. Noch weniger wusste er, was er tun sollte. Er war eigentlich hier her gekommen um für das Allianz-Militär aus strategischen Gründen einen Phönix zu ersteigern und nun wusste er nicht mehr, ob es noch richtig war, oder wichtig.

Immerhin handelte es sich nicht um ein – wie er angenommen hatte – primitives Tier. Sie war… ein Mensch, zumindest irgendwie.

Benu? Was sollte das sein? Eine Person? Ein Planet? Ein Schiff? Ein anderes unsterbliches Wesen?

So sehr er sich der Allianz verpflichtet fühlte, so sehr wusste er auch, dass er gerade im Begriff war alles zu verraten, an das er glaubte.

Und dennoch, dieses eine Mal konnte er nicht anders.

Das klang doch nach einem Abenteuer nach seinem Geschmack. Mit einem Anflug eines Lächelns und einem letzten Blick auf das Ei in dem Aschehaufen, drehte er sich in Richtung Cockpit.

„Eve? Such in der Schiffsdatenbank nach Benu. Schick mir alles, was du finden kannst auf den Bildschirm.“

„Verstanden, Major.“

Mal sehen, dachte er, als er sich in den Cockpitsessel fallen ließ, was ihn heute noch so alles erwarten würde.


Kommentare: 0