Alles, was vom Leben bleibt...


…sind die Erinnerungen.

Ich sehe dein Lachen vor mir. Ein breites, verschmitztes Grinsen. Immer dann, wenn du Mutter ärgern wolltest. Ein unauffälliges Zupfen an meinem Rock, ein leichter Stoß mit dem Ellbogen. Deine Aufforderung an mich. Und wie immer ließ ich mich anstiften.

Wir rannten. Der Besenstil flog und wir lachten und lachten und lachten. Bis wir ins hohe Gras fielen, uns kugelten, uns sicher fühlten am Rand des Waldes. Es war unser Geheimnis, nicht wahr? Unsere Verbundenheit in dieser Welt der Naivität. Wir waren Kinder.

Oh Bruder, hätte ich nur geahnt, was kommen mochte. Ich hätte dich gehindert. Nur du wärst trotzdem gegangen. Du musstest. Wie all die anderen.

Ihr alle gingt um zu kämpfen. In einem sinnlosen, grausamen Krieg. Sind nicht alle Kriege sinnlos? Dieser jedenfalls war es mehr, als alle anderen.
Ich hoffte. Ich betete. Ich bangte. Ich wusste, du würdest zu mir zurück kommen.

Ich arbeitete und arbeitete noch härter. Mutter schickte mich fort. Wir hatten kein Geld, kein Essen und dann arbeitete ich noch mehr. Hatte noch mehr Angst. Angst um mein Leben. Angst um dein Leben. Und Vater?

Oh, Bruder, ich sehe dich vor mir. So jung. Erinnere mich an dein Gesicht, deine strahlenden Augen, dein mitreißendes Lachen. Deine Versprechungen. Wir wollten fort, nicht wahr? Abenteuer erleben. Erfolge feiern. Wir wollten das Leben genießen, in vollen Zügen. Wir wollten Lachen, Singen, Tanzen. Wir wollten uns verlieben. Wir wollten frei sein.

Und dann warst du fort. Zusammen mit den Versprechungen, der Hoffnung, der Freude. Ich erinnere mich, erinnere mich so deutlich, als wäre es gerade eben passiert.
Wir wussten, du würdest zurück kommen. Wir wussten es und doch…
Nie wieder sah ich dich, nie wieder, hörte ich deine Stimme. Und zusammen mit dir, ging meine Hoffnung. Hoffnung auf ein Stück Glück.

Ich vergesse dich nicht. Das tat ich nie. Du warst immer bei mir, zusammen mit Vater. All die schönen Erinnerungen sind in meinem Kopf. Jetzt, mehr denn je. Jetzt, da ich alt bin. Sehne ich mich nach unseren Träumen. Keiner davon ging in Erfüllung. Kein einziger. Nur die Erinnerungen an dich bleiben.
Aber nicht mehr lange, dann werde ich dich wieder sehen. Nicht wahr? Nicht nur in meinen Träumen, nicht nur in alten, lückenhaften Erinnerungen. Bruchstücke, die über die Zeit der Realität kaum noch ähneln. Ich vergesse so viel, vergesse Alltägliches, vergesse Namen, vergesse Nichtigkeiten, doch dich, dich vergaß ich nie. Nie, mein Bruder. Mit Gewissheit weiß ich eines. Wir sehen uns wieder.
Bald.

Alles, was vom Leben bleibt…


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