Dekaden-Spezies


2. Kapitel

PX8-35A59
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Ein Stöhnen hallte über den Lautsprecher des verrosteten Frachters und ließ Damjan missbilligend den Kopf schütteln. Ob die beiden das mit Absicht machten, oder es schlichte Nachlässigkeit war, so langsam ging es Damjan auf die Nerven. Er war immerhin auch nur ein Mensch! Den beiden beim Sex zuzuhören, war so langsam eine Zumutung. Vielleicht sollte er einfach ins Cockpit marschieren und...

„Fester…“, erklang Iunas gehauchte Stimme und Damjans Schraubenzieher rutschte an der Kerbe ab und schabte den Rost vom Metall.

Frustriert schnaubte er aus und versuchte den Schraubenzieher wieder anzusetzen. Das wievielte Mal war das in den vergangenen drei Tagen? Das sechste Mal? Oder waren es schon sieben dieser kleinen Stelldichein, die er mitbekam? Die Dunkelziffer bewegte sich sicherlich im zweistelligen Bereich. Nur gut, dass Alec nicht hier war. Der junge Bursche wäre ohne Zögern ins Cockpit gestürmt, um sich zu beteiligten. Vielleicht lag es an der frischen Luft. Ganz sicher lag es…

Abermals wurden seine Gedanken unterbrochen, als Elyes Stimme erklang und Iuna Worte zuraunte, bei denen selbst Damjans Ohren rot wurden.

Das Mädchen war mal so anständig gewesen und jetzt gab sie sich mit diesem Weiberheld ab. Damjan verstand sie nicht mehr. Noch vor einigen Standartmonaten hatte sie sich über Elyes Sprüche lustig gemacht und jetzt verschwand sie bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit mit ihm in irgendeiner Kammer. Auf der Ameda Star musste sich Damjan wenigstens nicht mehr damit herumschlagen. Auf dem altersschwachen Frachter stattdessen verkrochen sich die beiden ins Cockpit und ein verirrter Ellbogen hatte die Übertragung aktiviert.

Sehr zu Damjans Leidwesen.

Die beiden zu unterbrechen brachte er nicht fertig, atmete aber erleichtert auf, als sie endlich zum Ende kamen. Einige Momente war es vollkommen still, dann hörte er Schritte auf dem Metallboden.

„Ich sehe nach Kali.“ Elyes Stimme verlor sich im Flur des alten Frachters, während Iunas deutlich leisere Schritte näher kamen.

Damjan lehnte sich an der Ecke vorbei um seine Vermutung zu bestätigen. Iuna trug schon auf der Ameda Star nur ungern ihre Stiefel. Barfuß stapfte sie über den rauen, rostigen Metallboden und rückte die Pilotenbrille auf ihrem Kopf zurecht, die sich dank den herausgebrochenen Gläsern nur noch dazu eignete, ihre dunklen Locken aus dem Gesicht zu halten.

„Wie sieht es denn hier aus?“ Iuna deutete mit beiden Händen auf das Wirrwarr an Kabeln und Leitungen, die sich auf dem Boden vor ihr verteilten und blieb mit einem verzweifelten Ausdruck stehen.

„Wie heute Morgen“, erwiderte Damjan ungerührt, verkniff sich ein Grinsen und lehnte sich wieder zurück. Er konnte nicht anders, als daran zu denken, dass sie vor einigen Augenblicken noch vornübergebeugt auf dem Cockpit gelegen haben musste und… Nein, er sollte diesen Gedanken nicht weiterspinnen! Immerhin war er so alt, dass er ihr Vater sein könnte.

„Großartig“, seufzte Iuna, krempelte sich die Ärmel des viel zu weiten Hemdes hoch und ging neben ihm in die Hocke. Sie hatte einen der Knöpfe übersehen und als sich der Stoff des Hemdes wölbte, gewährte sie Damjan ohne es zu merken einen sehr tiefen Einblick. „Ich dachte, Alec hilft dir dabei? Auch wenn er ein Marine ist, kann er Kabel flicken.“

„Scheint, als hätte unser Rotschopf anderes zu tun“, murmelte Damjan, konzentrierte sich wieder auf die Abdeckplatte vor sich und zog die letzte Schraube fest.

„Wie soll ich den Vogel vom Boden bringen, wenn wir keinen Strom im Cockpit haben?“ Iuna nahm eines der herumliegenden Kable in die Hand und sah sich hilflos um.

„Das Cockpit hat Strom. Vermutlich schießt es eine Sicherung raus, wenn du versucht das ganze System hochzufahren“, erläuterte Damjan und nahm ihr das Hochspannungskabel vorsichtig aus der Hand. Er war sich nicht mehr sicher, ob er die Sicherungen dafür aktiviert hatte, oder nicht.

„Das Cockpit hat Strom? Woher…“ Iuna holte die Erkenntnis ein und riss die mandelförmigen Augen auf. „Sterne…“ Zumindest hatte sie den Anstand rot zu werden und Damjan grinste schief.

„Das nächste Mal geselle ich mich dazu.“

„Nur zu“, feixte Iuna, trotz der Verlegenheit und stand auf. „Solange du mithalten kannst.“ Sie zwinkerte und entlockte Damjan abermals ein tadelndes Kopfschütteln.

„Du bist mir zu jung.“

Ein leises Lachen entwich ihr. Sie richtete den breiten Gürtel an ihrer Taille, ehe sie sich abwandte und den Weg ins Cockpit wieder aufnahm. „Es gibt nicht zu jung, nur zu eng.“

„Sterne, Kleines, von wem hast du denn solche Sprüche“, lachte Damjan und konnte es sich eigentlich denken. Iuna drehte sich im Laufen zu ihm um.

„Kannst du nach der Sicherung sehen? Ich will den Vogel starten. Wir müssen in ein paar Stunden los. Das Rendezvous mit der Ameda Star will ich nicht verpassen.“

„Sicher!“ Damjan wandte sich dem entsprechenden Paneel zu und fand kurz darauf den Fehler. Er lag mit seiner Vermutung richtig und tauschte die defekte Sicherung mit einer zwar abgenutzten, aber hoffentlich noch funktionstüchtigen aus. Dazu fand er eine undichte Leitung aus der stetig Öl tropfte und flickte sie zügig, bevor er sich in Richtung Cockpit aufmachte. Iuna saß im Pilotensitz über die Konsolen gelehnt. Ihr Kopf wippte im Takt der Musik, die aus einem der blechernen Lautsprecher plärrte.

„Fahr den Vogel hoch“, forderte er sie auf und suchte in der Hirtentasche seiner Hose nach einem Tuch an dem er sich die schmierigen Finger abputzen konnte. Iuna zuckte zusammen und bedachte ihn mit einem missbilligenden Blick, ehe sie seiner Aufforderung nachkam und einige Knöpfe auf der Konsole betätigte.

„Hör mal, Kleines, das von vorhin war nur Spaß.“

„Weiß ich doch, alter Mann“, lächelte Iuna, den Blick auf die Anzeigen des Frachters gerichtet.

„Trotzdem“, fing Damjan an und fragte sich, ob er sich überhaupt einmischen sollte.

„Trotzdem?“, hakte die Pilotin nach und drehte den Kopf zu ihm. Die großen braunen Augen beobachteten ihn neugierig und Damjan fragte sich, ob es nun Beschützerinstinkt war, oder tatsächliche eine verdrehte Art von Eifersucht, die ihn dazu veranlasste. 

„In ein paar Wochen beschäftigt Elyes sich mit einer anderen, das ist dir doch klar?“

Ein spöttischer Laut entwich Iuna und sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder den Konsolen zu. „Wen interessiert es? Zerbrich dir nicht den Kopf über Dinge, die dich nichts angehen, alter Mann.“

„Ich denke nur, du hast etwas besseres…“ Ohrenbetäubender Alarm schrillte los und machte jede weitere Unterhaltung unmöglich. Iunas Blick huschte über die Anzeigen und dann nochmal und nochmal, bevor ihr Verstand die Informationen endlich verarbeitete.

„Was ist los?“ Damjan beugte sich an ihrer Schulter vorbei über die Anzeigen. Ihre Aufmerksamkeit klebte auf dem Radarbildschirm des Orbitalscans, auf dem Schiffe der Zerstörer erschienen waren.

Sie starrte so lange darauf, bis sich die rot leuchtenden Punkte scheinbar in ihre Netzhaut einbrannten.

Sie waren so gut wie tot!

Kurz jagte ihr der Gedanke oder vielmehr die naive Hoffnung durch den Kopf, dass der Bildschirm einen Defekt hatte, oder der Orbitalscan.

Also überprüfte sie die Anzeigen, schickte eine weitere Funkwelle los und erhielt das gleiche Ergebnis.

„Die… die Zerstörer… Fünf Schiffe der Zerstörer passen sich gerade der Umlaufbahn von PX8 an.“ Erst nach dem dritten Versuch hatte sie den Satz herausgewürgt und sank kraftlos gegen die Lehne. Die Polsterung quoll an mehreren Stellen durch den zerschlissenen Stoff und Iunas Finger fanden einige lose Fäden.

„Wie konnte das passieren?“, wollte Damjan wissen.

„Wie wohl? Der Langstreckensensor ist defekt. Schon wieder! Ich dachte, der ist repariert?“ Das wäre nicht passiert, wenn Alec Damjan geholfen hätte, wie vereinbart und zwar Gestern!

„Der Frachter ist Schrott, Kleines, wie alle unsere Schiffe.“

Mit einer energischen Geste, die das Beben ihrer Finger unterbinden sollte, schaltete Iuna den nervenaufreibenden Alarmton aus.

Damjan sank in den Copilotensitz und Iuna fühlte sich schwindlig.

„Was machen wir jetzt?“

„Ruhe bewahren.“ Damjan griff nach ihrer Hand und schloss seine Finger fest um ihre. Er fühlte sich warm an und Iuna atmete tief durch.

„Ich bin ein Stern, hab keine Angst vor der Dunkelheit - Vom Tod befreit, begrüße ich die Unsterblichkeit“, zitierte Damjan und Iuna wiederholte das Mantra im Geiste, bis sie sich soweit beruhigt hatte, dass sie einen vernünftigen Gedanken fassen konnte.

„Alec ist in der Siedlung, nicht wahr?“

„Ich fürchte“, beantwortete Damjan ihre Frage seufzend und stand auf, ohne sie jedoch los zu lassen.

„Gut, dann machen wir folgendes: Ich hole Alec und du gehst zu Kali und Elyes. Wir stoßen zu euch. Ich fahre das System runter. Mit etwas Glück bemerken sie uns nicht.“ Noch während sie sprach, löste sie sich aus Damjans Griff. Ihre Finger flogen über die Konsole. Das Brummen wurde leiser, als das Schiff in vollständige Leblosigkeit versank, und verstummte schließlich vollkommen.

Die anhaltende Stille beunruhigte Iuna zutiefst. Ein totes Schiff bedeutet nie etwas Gutes. Sie schnitten sich damit selbst den Fluchtweg ab.

Mühsam schluckte sie die aufkeimende Panik hinunter, ihren Blick starr auf das mittlerweile erloschenen Display des Radars gerichtet.

Die blinkenden Punkte waren verschwunden, aber die Zerstörerschiffe waren immer noch dort oben, über ihren Köpfen und warteten nur darauf sie zu finden.

„Sie werden uns erkennen, nicht wahr?“ Ihre Stimme kam ihr schlagartig viel zu laut vor.

„Es spielt keine Rolle, Kleines. Du hast dein Messer?“ Damjan stemmte sich mühsam aus dem Sitz, während Iunas Hand zu dem kleinen Dolch an ihrem Gürtel huschte. Sie umschloss die in dicken Stoff eingepackte Klinge fest und nickte. „Hab keine Angst vor der Unsterblichkeit, Kleines. Die Sterne begrüßen dich.“ Damjans schwere Hand legte sich auf ihre Schulter. Die Wärme strömte durch den dünnen Stoff, vermochte jedoch den Eisklumpen in den sich ihr Magen verwandelt hatte, nicht zu verscheuchen.

„Lass uns gehen.“ Iuna kam Damjans Aufforderung nur träge nach. Ihre Hand umklammerte immer noch die eingepackte Klinge, während sie ihm den Flur entlang folgte.

Draußen empfing sie schummriges, grünes Licht und warf weiche Schatten auf die mit dichtem Moos bedeckte Fläche. Damjan drehte sich zu ihr und lächelte. Es sollte aufmunternd sein, aber unter dem faltigen Gesicht und dem dichten, grauen Bart erkannte sie in den blassblauen Augen tatsächlich so etwas wie Furcht.

Ich bin ein Stern…

Außer dem Rascheln und Summen der Käferschwärme, die sie mit ihrem plötzlichen Erscheinen im Freien aufgescheucht hatten, war nichts zu hören.

Die dampfige, herbe Luft des Planeten stach ihr in die Nase, erdig und schwer.

Damjan nickte und setzte sich in Bewegung. Für einen Augenblick starrte Iuna ihm hinterher, dann wandte sie sich in Richtung Kolonie.

Im ersten Moment wollten ihre Beine ihr nicht gehorchen und alles schrie in ihr, sich Damjan anzuschließen. Auf gewisse Weise vermittelte er eine Sicherheit, die es für sie alle auf dem gesamten Planeten nicht gab. Es war nur eine Illusion.

Ich bin ein Stern…

Sie musste sich zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Das Moos unter ihren nackten Fußsohlen gab nach, als sie ihre Beine endlich dazu brachte, sich zu bewegen.

Trotz der Wärme fröstelte sie und krempelte sich die Ärmel hastig herunter.

Zügig passierte Iuna die Steuerbordseite des Frachters und ließ unbewusst ihre Finger über die fleckige und mit unzähligen Schweißnähten verunstaltete Außenhülle wandern.

Nur ungern entfernte sie sich von ihrem Schiff.

Ihre Finger verloren den Kontakt zu dem alten Frachter. Gleichzeitig trat sie aus dem Schatten, den das Blattwerk über ihr warf. Zögernd blieb sie an der Kante des kleinen Plateaus stehen. Die Ausbuchtung am Stamm der Pflanze, auf dem die Azura stand, endete. Unter ihr breitete sich ein kilometertiefes, dichtes Meer aus Blättern, Ästen und Stämmen aus, genau wie über ihr.

Wieder einmal konnte sie sich dem Eindruck nicht erwehren, ein winziges Insekt inmitten einer Wiese aus fremdartigen Gewächsen zu sein.

Die Stämme so lang, dass sie das Ende mit bloßem Auge nicht erkennen konnte und die Blätter so riesig, dass sie mit der Azura leicht darauf hätte landen können.

Allein ihre Sorge, dass die Blätter dem Gewicht des Schiffes nicht standhalten konnten, hatte sie daran gehindert.

Zögernd, als wollten sich ihre Beine abermals weigern, betrat sie den gewundenen Ast, der mit unzähligen anderen Zweigen, spinnennetzartige Verbindungswege bildete.

Ihre Fußsohlen fanden Halt auf dem breiten, mit niedrigen Gewächsen überwucherten Pflanzenarm.

Ihr Unbehagen bei der enormen Höhe ignorierend setzte sie einen Fuß vor den anderen und wich sorgfältig den Zellmassepfützen aus, die sich in unregelmäßigen Abständen auf ihrem Weg verteilten.

Zuerst musste sie sich zwingen überhaupt in Bewegung zu bleiben, dann wurde sie schneller. Irgendwann achtete sie weder auf den Weg noch bemerkte sie, wie ihr ein Klumpen der durchsichtigen Masse gegen die Wange klatschte.

Dafür beschleunigte sie ihre Schritte, hastete über die unebenen Wege, tauchte unter tief hängenden Blättern hinweg und sprang über schmale Lücken, bis ihre Lungen zu explodieren drohten.

Ihre Muskeln rebellierten schmerzhaft dabei, aber ihre Angst schien erträglicher zu sein, je schneller sie sich bewegte.

Keuchend landete sie auf Händen und Knien, als sie das Gleichgewicht verlor, rappelte sich auf und hastete weiter.

Gut 300 Schritte trennten sie noch von der Siedlung. Die niedrigen, kugelförmigen Hütten, die die Einwohner aus den riesigen Blättern bauten, schimmerten in blassem Gelb.

„Alec“, keuchte Iuna, ihren Blick auf die Bewohner gerichtet, die zwischen den Hütten ihrer täglichen Arbeit nachgingen.

Sie hatte das Dorf in den vergangenen Tagen nur ein einziges Mal betreten, aber sogar sie spürte, dass die Einheimischen aufgeregt waren.

Schnell! Sie musste Alec finden und dann verschwinden!

Es musste leicht sein, den Marine unter den Einheimischen zu finden.

Atemlos und mit Seitenstechen erreichte sie endlich den Rand der ausladenden Ebene.

Mit einer in die Seite gestemmten Hand, stolperte sie zwischen die ersten Hütten und passierte einige der weißhäutigen Einheimischen.

„Alec!“ Ihre Stimme ähnelte mehr einem erstickten Japsen, also holte sie bemüht tief Luft und rief abermals nach ihm.

Knapp einhundert Hütten und gut dreimal so viele Bewohner beherbergte dieses Plateau.

Eine der kleineren Siedlungen und doch kam es Iuna jetzt viel zu belebt vor.

Aufgeregte Rufe und vergnügtes Gelächter empfing sie, als sie sich dem Zentrum näherte. Genau wie beim ersten Mal, als sie hier gewesen war, zog sie unzählige Blicke auf sich.

Allein ihre Anwesenheit schien manche der Einheimischen magisch anzuziehen.

Sicherlich, sie musste mit ihren schwarzen Locke und der dunklen Haut genau so befremdlich auf sie wirken, wie die Menschen hier mit ihren weißen Haaren auf Iuna. Doch, dass sie Iuna abermals neugierig betatschten, konnte sie gerade nicht brauchen!

Abwesend schob sie die ein oder andere allzu aufdringliche Hand beiseite und betrat den runden Platz zwischen den Hütten.

Hastig drehte sie sich um die eigene Achse. Ihr Blick wanderte angespannt von einem zum nächsten. „Alec!“ Ihre Stimme klang heißer und ein Hustenreiz kratze an ihren Stimmbändern, während ihr kalter Schweiß zwischen den Schulterblättern hinunter lief.

Eine der wenigen einheimischen Frauen, deren Namen Iuna noch wusste, erschien vor ihr, eine Schale mit blauer Masse in der Hand.

„Oohna!“ Iuna packte die andere Frau an den Schultern. „Wo ist Alec?“

„Aliik?“, wiederholte sie mit deutlichem Akzent. Dann lächelte sie breit und… wurde sie tatsächlich rot?

„Wo ist er?“, wiederholte Iuna sich. Die Tatsache, dass Oohna sie nicht verstand, ignorierte sie großzügig.

Oohna sagte etwas in ihrer Sprache und kicherte. Dann tauchte sie einen Finger in die blaue Masse und schmierte sie in Iunas Gesicht.

Erst jetzt bemerkte Iuna die blauen Streifen und Muster auf ihrer schneeweißen Haut und schüttelte die Hand der anderen Frau eilig ab.

Oohna plapperte weiter und deutete dann mit einem bedeutungsschwangeren Blick in den Himmel.

„Ich weiß…“, keuchte Iuna und ohne es zu wollen wanderte ihr Blick nach oben. Die Einheimischen hatten einen Platz für ihre Hütten gefunden, von dem aus man gelegentlich einen Blick auf den blassen, gelblichen Himmel erhaschten konnte. Zwischen den grünlichen Wolken erschien ein gleisender Strahl, wie eine Sternschnuppe. Ein Zerstörerschiff.

Iuna wirbelte herum und ballte in einem erstickenden Gefühl von Angst die Hände.

„Alec, bei den Sternen, wo steckst du?“

„Hier, ich bin hier! Mach doch kein so Geschrei, Iuna. Hat dich Adyan geschickt? Er soll nicht sauer sein, ich habe nur Kontakte ge…“, abrupt hielt Alec in seinem Gequassel inne, genau wie in seinem Versuch, seinen Overall vollständig zu schließen. Was genau der Auslöser war, konnte Iuna im ersten Augenblick nicht sagen.

Vielleicht ihr fassungsloser Gesichtsausdruck, vielleicht auch der Schatten, der sich über sie legte.

Alecs Blick war starr auf etwas hinter ihr gerichtet. Seine braunen Augen so weit aufgerissen, dass Iuna die Spiegelung einer dunklen Silhouette darin erahnen konnte.

Mittlerweile machte sie sich nicht mehr die Mühe, die Hand von Oohna wegzuschieben. Sollte sie sie doch mit dieser blauen Pampe vollschmieren.

Eine Gänsehaut jagte über ihre Arme und schüttelte sie regelrecht durch.

Sie waren da!

Die Zerstörer waren hier!

„Ich bin ein Stern… Ich bin…“ Es kostete sie sämtliche Überwindung, ihren Kopf zu drehen. Langsam, als würde die Zeit stocken, manifestierte sich dieser Schatten vor ihr.

Der Zerstörer stand keine Armlänge hinter ihr. Ein erstickter Schrei entwich ihr und sie stolperte einen Schritt zurück, die Augen so weit aufgerissen, dass es schon weh tat.

Die Zerstörer waren größer, als sie angenommen hatte. Beinahe doppelt so groß, wie ein Mensch und sicherlich viermal so breit. Er stand auf massigen Gliedern und anstatt Finger besaß er drei messerscharfe, bedrohliche Klauen. Die schwarzglänzende Panzerung spielgelte die Umgebung farblos wider, aber am merkwürdigsten wirkte der nach hinten langgezogene Kopf.

Die kaum zu erkennenden, wulstigen Gesichtszüge und die, wie eine fein polierte Oberfläche, spiegelnden Augen wirkten so leblos, dass er auch eine Skulptur hätte sein können.

Und genau das war er.

Stand starr und reglos vor ihr, nur um im nächsten Augenblick direkt neben ihr zu sein. Er bewegte sich nur, wenn sie nicht hinsah. Je länger sie ihn anstarrte um so weiter würde er sein, wenn sie das nächste Mal ihre Augen schloss. Panik schnürt ihr den Hals zu und erschwerte ihr das Atmen.

Ihr Kopf war vollkommen leergefegt dafür verselbstständigte sich ihr Körper.

Sie drehte sich ruckartig, stolperte dabei und fiel prompt auf die Nase. Bebend blieb sie liegen, presste die Augenlider zusammen und atmete stoßweise gegen das dichte Moos. Haltsuchend krallten sich ihre Finger hinein und gruben sich das satte Grün unter die Nägel.

Für einen Moment wollte sie sich ganz und gar ihrer Angst hingeben, in Tränen der Verzweiflung ausbrechen und weinen wie ein kleines Kind, aber es würde ihr nicht helfen.

Sie musste sich dazu zwingen, den Kopf wieder zu heben.

Ein Blick aus dem Augenwinkel genügt um zu wissen, dass der Zerstörer nicht mehr neben ihr stand. Erleichtert holte sie Luft und beobachtete die Menschen, die sich arglos um sie herum bewegten. Manche knieten, manche tanzten.

Vielleicht fiel Iuna dann nicht auf, wie sie hier auf dem Boden kauerte und verzweifelt versuchte die Fassung zu bewahren.

„Iuna“, zischte Alec ihr zu und packte sie an einem Oberarm, „steh auf!“

„Ich kann nicht“, hauchte sie. Die Angst lähmt ihren ganzen Körper.

Alec schien sie entweder nicht gehört zu haben oder zu ignorieren, denn er zerrte sie auf die Beine.

Für einen Augenblick drehte sich alles um sie und haltsuchend stolperte sie einen Schritt vorwärts.

Dass Alec sie dabei anschob half auch nicht dabei, ihr Gleichgewicht wiederzufinden.

Gleichzeitig zog er Oohna hinter sich her, die ihre Schale zwar beiseite gestellt hatte, dafür aber eine Diskussion mit ihm anfing.

„Wir gehen, Oohna, na komm schon…“ drängte Alec und ließ dabei Iunas Arm los.

Dem plötzlichen Halt beraubt, schwankte sie. Ihr Blick flog die wenigen Meter bis zu dem rettenden Ast, den sie gerade noch so eilig auf der Suche nach ihm passiert hatte.

Er erschien ihr so unendlich weit weg. Unzählige Hütten und Siedler standen dazwischen.

Sie könnte losrennen, aber dann?

Gab es überhaupt noch einen sicheren Fleck auf diesem Planeten, einen, den die Zerstörer nicht fanden? Er war wie aus dem Nichts erschienen. Er könnte sie überall finden!

Wieso bemerkten die Zerstörer es nicht? Iuna und Alec gehörten nicht hier her. Sie mussten es doch sehen!

Unruhig schüttelte Iuna den Kopf in dem aussichtslosen Versuch die Benommenheit loszuwerden, die sich in ihrem Verstand ausbreitete. Abermals schwenkte sie ihren Blick in Richtung Fluchtweg.

Sehr zu ihrer Verwunderung stand dort Elyes.

Was machte er hier? Nein, das musste eine Einbildung sein. Er konnte nicht hier sein. Was wollte er hier? Sie hatte Damjan doch gesagt…

Elyes wirkte atemlos und so blass wie ein Mond, seine Schritte verlangsamten sich und genau wie bei Alec zuvor, richtete sich seine Aufmerksamkeit auf etwas hinter Iuna.

Dann starrte er in ihre Augen, stechend, hypnotisch. Stumm vollführte er eine hektische

Handbewegung, dass sie sich endlich in Bewegung setzen sollte.

Nur einen Schritt vorwärts, dachte Iuna, aber ihre Beine wollten nicht.

Dann wanderten Elyes tiefgrüne Augen abermals ab.

Iuna brauchte sich nicht umzudrehen um zu wissen, dass hinter ihr ein Zerstörter war.

Sie konnte das Beben der massigen Beine unter ihren Füßen spüren.

Der Boden vibrierte und ein Knirschen war zu hören, als er Moos und morsches Holz niederdrückte.

Er lief. Auf sie zu?

Ein wuchtiger Schritt. Eins, zwei… Der nächste Schritt. Er bewegte sich langsam, geradezu gemächlich, aber stetig. Jedenfalls solange Iuna nicht hinsah.

Diesmal brachte sie es nicht fertig einen Blick zurück zu werfen. Alles schien seltsam dumpf zu sein, als wäre ihr Kopf unter Wasser.

Bewegungen und Stimmen, verzerrt, undeutlich, zäh wie Honig.

Elyes schrie, aber sie konnte seine Worte nicht verstehen. Beinahe hätte sie nachgefragt, nur Elyes schlagartige Hast hielt sie davon ab.

Sie verstand nicht, warum er auf sie zu rannte, anstatt weg von dieser Siedlung, weg von den Zerstörern.

Erst, als sich zwei massige Klauen von hinten um ihren Hals schlossen, holte sie die Wirklichkeit wieder ein.

Wie ein losgelassenes Gummiband wurde sie zurück in die Realität geworfen. Schmerzhaft und viel zu schnell. Sämtliche Sinneseindrücke prasselten gleichzeitig auf sie nieder.

Der beängstigende Griff um ihren Hals.

Das Lachen und Rufen, der Einwohner.

Ein zarter Sonnenstrahlen, der sich durch das Dickicht der Blätter stahl und ihre Augen blendete.

Der erdige, fremde Geruch.

Alecs Hand um ihrem Arm, der abrutschte.

Elyes Schrei.

„Nimm das Messer! Iuna! MACH SCHON!“

Sonst ist es zu spät. Sie war schon tot. „Ich bin ein Stern…“, hauchte sie. Ihre Stimme gab kaum an, stattdessen fanden ihre Finger den Griff des kleinen Messers und packten zu. Ihre Hand zitterte so stark, dass sie fürchtete es nicht greifen zu können.

„Ein Stern… ein Stern…“, wiederholte sie atemlos, zog das Messer und hob es an, die Spitze gegen ihre Brust gedrückt. Direkt auf die Stelle unter der ihr Herz sich überschlug. Alles war besser, als den Zerstörern lebend in die Hände zu fallen.

Ihre freie Hand krallten sich in die Klauen um ihren Hals. Ihr Körper stemmte sich gegen den Griff.

Doch der Zerstörer zerrte sie unnachgiebig mit sich. Ihre Beine stolperten mehr, als dass sie Halt fanden.

„IUNA!“ Elyes Stimme war unter dem Rauschen in ihren Ohren kaum zu hören. Dunkle Flecken tanzten vor ihren Augen.

Sie streckte einen Arm nach ihm aus. Gekonnt ignorierte sie, dass es jetzt nichts mehr gab, was sie vor ihrem Schicksal bewahren konnte.

Nichts wollte sie in diesem Moment sehnlicher, als seine Hand zu fassen.

Doch Elyes bewegte sich nicht mehr.

Mission gefährden… Sinnloser Rettungsversuch…Flottille schützen… Wortfetzen von Kapitän Milenkovic Ansprachen schossen ihr ungefragt durch den Kopf.

Aber nichts davon wollte Iuna jetzt hören.

Sie wollte nicht sterben. Nicht so! Nicht jetzt!

„NEIN!“ Ihr Schrei klang schrill und verzerrt in ihren Ohren. Gleichzeitig hob sie das Messer.

Sie musste.

Stich zu! Ich bin ein Stern… Unsterblichkeit…

Sie nahm kaum wahr, dass ihre Füße den Kontakt zum Boden verloren, dann wurde sie mit gewaltiger Kraft gestoßen und Dunkelheit verschluckte sie.


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