Dekaden-Spezies


1. Kapitel

Das Totenschiff
>o<>O<>o<
Wir, die wir einst die Galaxie beherrschten,
sind jetzt nichts weiter als treibende Funken Staub im Wind des Schicksals.
>o<>O<>o<

„Die Meridia, Kapitän, sie explodiert!“

„Roter Alarm. Ausweichmanöver“, bellte Milenkovic über die Brücke und ließ sich in seinen zerschlissenen und mit Flecken und Rissen übersäten Kapitänsstuhl in der Mitte des Raums fallen. „Ich will das Schiff samt Umgebung als Hologramm! Was ist mit den anderen Schiffen?“

Milenkovics Blick wanderte fachmännisch über das ihm angezeigte Hologramm. Die sich immer weiter ausdehnende rot, rotierende Kugel, zeigte die Explosion der Meridia. Die Einzelteile, als kleine Punkte abgebildet, jagten in allen Richtungen durch das All und würden verheerende Schäden an den anderen Schiffen verursachen.

Das Schiff war ohne Vorwarnung explodiert. Mittlerweile keine Seltenheit mehr.

„Die Elysium befindet sich nur wenige tausend Kilometer entfernt“, meldete sein Navigator Preston, „sie wird nicht rechtzeitig ausweichen können.“

„Schilde aktivieren! Unterlichttriebwerke auf volle Leistung. Bringen Sie uns zwischen die Wrackteile und die Elysium, Carter!“ Ohne die Meridia konnte die Flottille überleben, ohne sein eigenes Schiff, die Ameda Star ebenfalls, aber ohne die Elysium fehlten der Flotte achtzig Prozent ihrer Nahrungsmittel.

„Aye Aye, Kapitän“, bestätigte Carol hastig. Die junge, blonde Frau war erst seit kurzem der Crew der Ameda Star beigetreten. Für sie war die Steuerung des Schiffes so leicht, wie andere sich die Nase putzten. Er konnte froh darüber sein, sie zu seiner Mannschaft zu zählen. Dennoch konnte er in ihrem Gesicht die Anspannung ablesen.

Dem Tod, lief niemand von ihnen mit offenen Armen entgegen.

Dennoch war niemand ohne Grund auf der Ameda Star und genau wie er und die anderen, war Carol an einem Punkt ihres Lebens angekommen, an dem es nur noch dieses Schiff für sie gab.

Ein letztes Zuhause.

„Steuerbord evakuieren. Schilde dort verstärke“, befahl Milenkovic und ließ sich von seinem Terminal ein genaueres Bild liefern. Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde die Auflösung, bis er die Rostflecken auf den Überresten der Außenhülle der Meridia zählen konnte. „Ich brauche fünf Freiwillige für die Achterkanonen. Sie sollen die größeren Wrackteile bremsen.“ Wir brauchen nur ein wenig mehr Zeit, dachte Milenkovic. So lange, bis die Elysium aus dem Gefahrenbereich geflogen war.

„Elysium abgedeckt. Voller Stopp“, teilte ihm Preston mit. „Der erste Einschlag erfolgt in 30 Sekunden.“

„Die Achterkanonen?“, hakte Milenkovic nach und zählte im Geiste langsam bis 30.

„Sind besetzt, Kapitän. Steuerbord querab evakuiert.“ Giles, sein Kommunikationsoffizier, der genau so viele Jahre Erfahrung auf der Ameda Star hatte, wie Milenkovic selbst, warf ihm einen Blick zu. Ein winziges Lächeln umspielte seine Lippen.

„Einschlag in 10…“, schaltete sich Person wieder ein, „9…8…7…“

„Schleusen Steuerbord verriegeln!“, forderte Milenkovic und krallte seine Finger in den Sitz.

„6…5…4…“

„Schleusen verriegelt. Erstes Trümmerstück gebremst auf 200 km/h.“

„3…2… Auf Einschlag bereit machen!“

Die Schilde fingen das meiste ab. Dennoch wurde das Schiff durchgeschüttelt. Wie ein leichtes Erdbeben. Milenkovic Zähne klapperten aufeinander und das Heulen des Alarms hallte in seinen Ohren.

„Schilde auf 60%. Zwei weitere Trümmer unmittelbar vor dem Einschlag!“, meldete Preston hastig. Seine Stimme überschlug sich dabei, in dem Versuch den Lärm zu übertönen. Der nächste Einschlag prallte an den Schilden ab, streifte jedoch das Unterdeck. Metall knirschte und das Schiff hüpfte, sie ein bockiges Pferd, als das Wrackteil in den ungeschützten Teil der Ameda Star krachte.

„Schilde auf 20% runter!“

„Hüllenbruch auf Deck 22 bis 25!“

„Nächster Aufschlag in 5 Sekunden!“

„Deck 22 bis 25 evakuieren“, bellte Milenkovic und starrte wie begannt auf das Hologramm. Die bisherigen Einschläge waren nur der Anfang gewesen. Weitere Geschosse nährten sich ihnen mit rasender Geschwindigkeit. Noch arbeiteten die fünf Schützen an den Außenbordkanonen. Sobald die Schilde ausfielen, war es nur einen Frage der Zeit, bis die Geschosse ungebremst in die Außenwand der Ameda Star krachten und die Schützen einen nach dem anderen ausschalteten.

„Wir verlieren zu viel Atmosphäre! Die unteren Decks können…“ Giles verstummte, als der nächste Einschlag die Schilde lahmlegte, die Stromzufuhr brach zusammen und hüllte die Brücke für einen Augenblick in vollkommene Dunkelheit.

Um Milenkovic knirschte und ächzte das Schiff. Die Ameda Star war altersschwach, aber das waren alle Schiffe ihrer Flottille.

„Kämpf mein Mädchen“, murmelte Milenkovic vor sich hin und war dankbar für das Hologramm, dass abermals vor seinen Augen aufflackerte.

„Das Schiff abriegeln. Sämtliche Schleusen schließen!“ Jeder war ab sofort auf sich gestellt. Keines der Crewmitglieder konnte von jetzt an die Decks wechseln oder seinen Bereich verlassen. Dafür blieb die Luft dort, wo sie hingehörte: in seinem Schiff!

„Schilde ausgefallen. Erneuter Aufschlag in…“ Abermals wurde das Schiff durchgeschüttelt und Milenkovic aus seinem Sessel gerissen.

„Was ist mit der Elysium?“

„Hat sich 350.000 Kilometer entfernt. Entfernung steigend.“ Das musste reichen, entschied Milenkovic und schwang sich wieder in seinen Sitz.

„Backboard abdrehen, Carter. Bringen Sie uns aus dem Gefahrenbereich!“ Sein Befehl wurde hastig von der jungen Frau bestätigt und Milenkovic spürte, wie die Fliehkraft des Wendemanövers ihn in die Polster drückte.

„Mehrere weitere Trümmer. Sie schlagen in die Heckseite, Kapitän“, erläuterte Preston, schien für einen Moment irritiert und revidierte dann. „Heckgeschütz besetzt. Der Schütze hat das erste Trümmerstück abgelenkt.“

Sehr gut, immerhin dachten seine Leute mit. Als die nächsten beiden Trümmerstücke ebenfalls von ihrer Bahn abgebracht wurden, ohne die Ameda Star zu streifen, wollte er den Namen des Schützen wissen.

„Es ist Jason, Kapitän. Reys Junge.“

„Ein Sechzehnjähriger rettet uns den Arsch. Im wahrsten Sinne“, lachte Giles auf und schien die anderen damit anzustecken. Schlagartig löste sich die Anspannung und ging in eine gelöste Heiterkeit über.

Milenkovic konnte sich der allgemeinen Gelöstheit nicht anschließen. Noch war es nicht einmal sicher, ob die Ameda Star die Schäden verkraften konnte.

„Schadensbericht“, verlangte er in gewohnter Befehlsmanier und ging die lange Liste der Schäden, die keinen Augenblick später als Hologramm vor ihm schwebte, durch. Milenkovic schätzte die Vollständigkeit des Schadensberichtes auf knapp 50%. Entweder die Stationen waren nicht mehr besetzt, die Crewmitglieder waren verletzt oder tot. Es würde dauern, das Schiff wieder flugtauglich zu machen, aber es war nicht unmöglich.

Mit dieser Gewissheit atmete er auf und gönnte sich ein winziges Schmunzeln, dass nur von den langjährigen Mitgliedern seiner Crew als solches erkannt wurde.

„Dann steht dem Tanzabend heute nichts mehr im Weg“, feixte Giles und zwinkerte der gut vierzig Jahre jüngeren Carter zu. Sein Steuermann lächelte matt und winkte ab.

„Nach dem Tag heute tanze ich sogar mit einem ungewaschenen Stinktier.“

Einige der Brückencrew lachte auf, am lautesten Giles.

„Kapitän, die Liste unserer Verluste.“ Sein erster Offizier trat neben ihn und überreichte ihm ein durchsichtiges Datenpad.

„Wie viele sind es, Roger?“

„36, bis jetzt.“

Milenkovic nickte abgehackt. Wenn er etwas in den vergangenen Jahren als Befehlshaber der Ameda Star Schiff gelernt hatte, dann, dass es nie einfach war, Crewmitglieder in den Tod zu schicken. Aber es war notwendig.

„Da ist noch etwas, Kapitän.“ Sein erster Offizier wartete, bis Milenkovic ihm seine Aufmerksamkeit widmete.

„Die Sensoren zeigen auf Deck 25 einen Überlebenden an. Direkt aus dem eingeschlagenen Trümmerstück.“

„Wie ist das möglich?“ Noch während er die Frage stellte, stemmte er sich aus dem Sitz.

„Wie es scheint handelt es sich dabei um einen der Kühlräume der Meridian. Er ist hermetisch abgeriegelt, aber die Luft darin wird mit der Zeit knapp werden.“

„Ein Überlebender also.“ Ohne zögern, gab er Anweisungen ihn zu bergen. In einer vertrauten Geste legte er Roger eine Hand auf die Schultern. „Vielleicht kann er uns sagen, was auf der Meridian passiert ist.“

„Verstanden.“ Roger salutierte zackig und verließ die Brücke. Es dauerte mehrere Stunden, bis Milenkovic die Information erhielt, dass der Überlebende erfolgreich geborgen wurde. Kurze Zeit später machte er sich in Richtung Krankenstation auf. Die Ameda Star hatte sich mittlerweile den anderen mehr oder minder beschädigten Schiffen der Flottille angeschlossen.

Die Krankenstation war ein langer Schlauch mit mehreren Betten, die allesamt belegt waren. Dazwischen saßen leicht verletzte Crewmitglieder und warteten geduldig auf das medizinische Personal.

„Hier entlang, Kapitän.“ Roger hatte auf ihn gewartet und lotste ihn nun in Richtung der hinteren Betten. „Sie spricht nicht. Der Doc sagt, sie steht unter Schock.“

„Sie?“

„Ein Mädchen, Kapitän.“ Noch während Roger sprach, fiel Milenkovic´ Blick auf die einzige Überlegende eines tonnenschweren Schiffes, mit über 500 Besatzungsmitgliedern. Die schwarzen Locken standen zu allen Richtungen ab und obwohl jemand ihr sicherlich beim waschen geholfen hatte, waren Rußflecken auf der dunklen Haut zu erkennen. In dem viel zu großen, verwaschenen Kittel der Krankenstation und die mit gelben Flecken übersäten Laken wirkte sie noch um einiges jünger, als sie vermutlich war.

„Kapitän, nach der Proklamation mit dem Flottenoberkommande, darf niemand die Ameda Star verlassen, wenn er sie einmal betreten hat. Auch das Mädchen nicht, obwohl…“ Sein erster Offizier stockte, als Milenkovic Blick sich auf ihn richtete.

„Obwohl sie nicht hier sein sollte?“, beendete Milenkovic den Satz fragend und zog seine Augenbrauen nachdenklich zusammen. „Sehen Sie sie an, Roger“, abermals wanderte sein Blick zu dem Mädchen. Er erkannte etwas in diesem jungen Gesicht, was dort eigentlich noch nichts zu suchen hatte. Einen beinahe unerträglichen Schmerz. Mit dem Wissen, dass ihre ganze Familie, jeden den sie je gekannt und geliebt hatte, ihre einstige Heimat, von einem Moment auf den anderen nicht mehr existierte, wird sie jemandem die Schuld geben wollen.

„Sie hat das Recht hier zu sein, genau wie jeder von uns.“

„Natürlich, Kapitän“, erwiderte Roger nickend und straffte seine Schultern.

„Sorgen Sie dafür, dass das Mädchen eine Kapsel zugeteilt bekommt, sobald sie die Krankenstation verlassen darf, und eine Arbeit.“

„Verstanden.“

Milenkovic wandte sich mit einem zufriedenen Nicken ab und näherte sich seinem neuesten Crewmitglied. Betont langsam zog er sich einen Hocker neben das Bett. Während Milenkovic eine ganze Weile neben dem Mädchen saß, versuchte er ihr Alter einzuschätzen. Möglich, dass sie 12 Standartjahre alt war, oder auch 13. Zu jung, um hier zu sein.

„Ich bin Maikel Milenkovic, der Kapitän der Ameda Star.“

Dunkle Augen wanderten träge zu ihm. Einer seiner Ärzte musste ihr eine hohe Dosis Beruhigungsmittel gegeben haben.

Er zögerte und war sich uneins, wie er weiter verfahren sollte. In ihrem Gesicht konnte er einen wachen Verstand erkennen, wenn auch deutlich benommen.

„Du weißt, was die Ameda Star ist?“

Ein kurzes, kaum merkliches Nicken folgte. „Das Totenschiff.“ Ihre Stimme war so leise, dass er sie kaum verstand. Abermals musterte Milenkovic gründlich  das ausdruckslose, viel zu junge Gesicht.

„Es war meine Schuld.“ Ihre Stimme klang noch leiser und Milenkovic musste sich etwas zu ihr lehnen.

„Was war deine Schuld?“

„Das sie alle Tod sind.“

„Du meinst, die Explosion des Schiffes?“, hakte er nach. Ein abgehacktes Nicken folgte. Ob ein Kind tatsächlich für die Zerstörung eines ganzen Schiffes verantwortlich war? Es war einerlei. Er musste ihr nur in die Augen sehen, um zu erkennen, dass sie es glaubte.

„Willkommen an Bord, Mädchen.“ Mit diesen Worten stemmte er sich auf.

„Iuna, ich heiße Iuna.“

Er legte ihr eine Hand auf die schmale Schulter und drückte sie tröstend. „Willkommen an Bord, Iuna.“ Auf dem Weg in Richtung Ausgang suchte er seine Chefärztin Dr. Ambela Acardi in dem Getümmel. Er fand sie, vornüber gebeugt über einem Crewmitglied, inmitten einer improvisierten Operation.

Die grauen Strähnen waren zu einem nachlässigen Knoten gebunden, ihr Kittel wies deutliche Blutschmierer auf und sie kaute auf einem Plastikstäbchen herum. Seit dem Ausfall des Tabaks vor gut zwei Wochen, litt vor allem seine Chefärztin an deutlichen Entzugserscheinungen. Mit zittrigen Händen überreichte sie einem ihrer Assistenzärzte das Instrument und wies ihn an, die Kapillaren zu schließend.

Ambela befreite sich mit einem schmatzenden Geräusch von den Handschuhen, schob sich die Brille hoch und kam mit einem erleichterten Ausdruck zu ihm.

„Was kann ich für dich tun, Maikel?“ Danach nahm sie das Plastikstäbchen in eine Hand und biss so fest zu, dass er es knirschen hörte.

„Das Mädchen.“ Milenkovic nickte in die entsprechende Richtung.

„Ah… unser Neuzugang. Sie ist soweit körperlich fit. Nur mental…“ Der Satz verlor sich in einem Schulterzucken seitens Ambela.

„Sie bleibt. Tätowiere ihr den Totenschädel ein.“

„Bist du sicher?“ In Ambelas Gesicht bildeten sich mehr Falten, als sonst.

„Ganz sicher.“