Die Gnade der Göttin


2. Kapitel

Nilamstein

 

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Kurzons Blick ruhte auf der Tinwi, die jetzt bewegungslos in Jax Arm hing. Er lagerte die kleine Füchsin behutsam um und legte eine Hand auf ihren Rücken. Jax gehörte wie Kurzon zum gleichen Klan. Er wusste, was er dort in Händen hielt.

 

Eine Priesterin war schon wertvoll, aber eine Priesterin mit ihren Fähigkeiten… Sie war eine Schamanin, wenn auch keine ausgebildete. Ihr Angriff war schwach gewesen, aber sie war dennoch schier unbezahlbar. Jedenfalls für sein Volk. Tinwi sahen das völlig anders, das wusste Kurzon und unterdrückte ein abfälliges Schnauben.

 

Seine Aufmerksamkeit wanderte zu dem Krieger zu seinen Füßen. Er hatte gut gekämpft, für einen Fuchs. Er würde zwar nicht so viel wie eine Priesterin einbringen, aber genug um ihn nicht hier liegen zu lassen.

 

Er überbrückte mit wenigen Schritte zu Jax, der genau wusste, was Kurzon wollte. Vorsichtig, als wäre die Füchsin ein zerbrechliches Ei, übergab er sie.

 

„Bring den Soldaten an Bord und plündere die Speisekammer.“ Bei seinen letzten Worten fing Jax an zu grinsen.

 

„Verstanden, Kapitän!“ Jax beeilte sich dem Befehle zu befolgen.

 

Während Kurzon sich die kleine Füchsin über die Schulter warf, steuerte er den nächstgelegenen Raum an. Es war ein größerer Schlafsaal, mit hölzernen Betten, wenigen Truhen und noch weniger Verzierung an den Wänden.

 

Als er auf den weitläufigen Balkon trat erreichte er beinahe Zeitgleich eine der Stege die in den Bauch seines Schiffes führte. Mühelos schwang er sich auf die schmalen Planken und balancierte darüber. Es fiel ihm nicht schwer die schwindelerregende Tiefe unter sich zu ignorieren, wusste er doch, dass sein Schiff vor den Katapulten, die Brerith schützen sollten, sicher war.

 

Nach wenigen Schritten erreichte er das Innere seines Schiffes in dem geschäftiger Trubel herrschte und hielt nach Adesol Ausschau. Er passierte eilig die zahlreichen Käfige die mittlerweile gut gefüllt waren.

 

Dem Klagen und Jammer der Priesterinnen schenkte er genau so wenig Aufmerksamkeit, wie den wenigen Flüchen die seiner Mannschaft gezollt war. Sie würden sich schon beruhigen und spätestens in drei– wenn das Wetter ihnen über der Meerenge hold war – auch in zwei Tagen hätte er sie wieder los.

 

Er packte einen seiner Männer am Arm um ihn aufzuhalten. Es war Zadian, ebenfalls aus seinem Heimatklan, und der jüngste an Bord.

 

„Hast du Adesol gesehen?“

 

„Er ist an Deck, Kapitän. Richtet das Lazarett ein. Denkt wohl, die Tinwi würden uns zerfleischen“, grinste Zadian abfällig und entlockte Kurzon damit ein amüsiertes Schnauben.

 

„Informiere dich, wie weit die Mannschaft ist. Ich will so schnell wie möglich ablegen. Wir wollen doch die ersten in Galadhor sein, nicht?“

 

Zadian entwich eine knurrende Zustimmung. „Ich mache mich sofort daran, die Männer einzutreiben, Kapitän.“ Mit diesen Worten eilte Zadian davon und Kurzon schlug den Weg in Richtung Treppen ein.

 

Er schwang sich die wenigen Stufen nach oben.

 

Die dicken Bretter ächzten unter seinem Gewicht.

 

Adesol stand am Heck des Schiffes vor einem ausladenden Tisch, auf dem sich die üblichen Utensilien eines Heilers stapelten. Verbandsmaterial, Nadel und Faden, Kräuter, undefinierbare Pampe, Gefäße mit schimmernden Flüssigkeiten und jede Menge Alkohol.

 

„Adesol…“, forderte Kurzon seine Aufmerksamkeit. Der in die Jahre gekommene Heiler warf einen abwesenden Blick über seine Schulter und schien ihn im ersten Moment ignorieren zu wollen. „Ich brauche einen Bann.“

 

Diesmal drehte sich der Heiler in einer trägen  Bewegung um. „Einen Bann? Für… den Tinwi, ja?“

 

„Sie ist eine Schamanin und ich will nicht, dass sie, sobald sie wach ist, mein Schiff zerlegt“, erwiderte Kurzon grimmig und beobachtete den Heiler dabei, wie er geflissentlich nickte und sich seiner ledernen Tasche zuwandte.

 

Er kramte konzentriert darin, bevor er eine winzige, eckige Metalldose herauszog. Als er sich wieder aufrichtete, griff er nach einem in Stoffbahnen eingewickelten Päckchen und einem weiteren, runden Holzetui auf dem Tisch.

 

„Schwarzer Nilamstein. Er bannt ihre Kräfte, aber sie muss ihn auf der Haut tragen. Praktischer wäre es unter der Haut, an einer Stelle, an der sie ihn nicht entfernen kann“, erläuterte Adesol und Kurzon nickte knapp, bevor er sich umdrehte und das Deck in Richtung  seines Kajüte überquerte.

 

Energisch stieß er die Türe auf und durchquerte das Zimmer bis zu seinem Bett. Er legte die Tinwi mit dem Bauch voran darauf und wartete ungeduldig, bis Adesol seine Gerätschaften zurechtgelegt hatte.

 

Sein Blick wanderte über ihren nackten Rücken. Ihr Kleidungsstück war im Nacken zusammengebunden und verhüllte von hinten gerade einmal ihr Hinterteil und ihre Beine, während der bauschige, dunkelbraune Schwanz ebenfalls unbedeckt war.

 

Die hellere Spitze zuckte leicht und er beobachtete es mit wachsender Argwohn. Wenn sie jetzt aufwachen würde, sollten sie sich beeilen.

 

Kurzons Blick wanderte zu Adesol, der gerade die kleine eckige Schachtel öffnete.

 

Zum Vorschein kam ein nachtschwarzer Stein, der zu einem dünnen Stab geschliffen worden war. In seinem Inneren schien er zu leuchten und für einen Moment war Kurzon von dem grünen Pulsieren fasziniert.

 

Erst als Adesol den Stein auf die Seite legte und nach dem schmalen Messer griff wanderte Kurzons Aufmerksamkeit wieder zu der Tinwi auf dem Bett.

 

Nach einem prüfenden Blick setzte Adesol es auf eine Stelle genau wischen ihren Schulterblättern an.

 

Er machte einen winzigen Schnitt und dennoch quoll augenblicklich hellrotes Blut hervor. Diesmal zuckte ihr Schwanz deutlicher und sie stöhnte leise.

 

„Schneller“, befahl Kurzon und legte beide Hände auf ihre Schulterblätter um sie daran zu hinder sich zu bewegen.

 

Eilig schob Adesol den schwarzen Nilamstein in ein dünnes Röhrchen und setzte die schräg angeschliffene Spitze an die blutende Stelle.

 

Mit zwei Finger dehnte der Heiler die helle Haut und stach das Röhrchen mit einem Ruck in ihr Fleisch.

 

Die Tinwi schrie auf und wand sich so weit es Kurzons Griff überhaupt zuließ. Er drückte sie mit genug Gewalt ins Bett, dass die Bretter unter dem Polster protestierend ächzten.

 

„Hört auf!“, zischte die Priesterin, hob und drehte den Kopf und brachte dadurch das dünne Röhrchen in Bewegung.

 

„Ganz ruhig, kleine Füchsin“ grollte Kurzon und sie schien für einen Augenblick zu erstarren. Der Moment reichte aus, damit Adesol einen weiteren dünnen Stab in das Röhrchen einführen konnte und mit einer achtsamen Bewegung den Stein unter ihre Haut beförderte.

 

Eilig entfernte er die Gerätschaften und zurück blieb eine kaum merkliche Wölbung dicht unter der Haut.

 

Kurzon ließ die Priesterin los und die Tinwi rappelte sich umständlich auf. Der Stoff ihrer Kleidung schien ihr im Weg zu sein und sie sackte unbeabsichtigt an der Bettkante auf den Boden.

 

Kurzon bedachte sie mit einem abfälligen Blick, bevor er Adesol mit einer knappen Geste entließ. Die Priesterin rutschte panisch Rückwerts, bis sie schlussendlich gegen die Schubladen seines wuchtigen Schreibtisches stieß.

 

Die weichen mit einem dichten, braunen Flaum bedeckten Ohren waren zurückgeklappt, während sie gleichzeitig angestrengt mit den Händen nach der kleinen Stelle tastete, unter der sich der schwarze Nilamstein befand.

 

Ihre hellgelben Augen musterten ihn wachsam und waren so weit aufgerissen, dass sich das spärliche Licht von außerhalb des Raums darin spiegelte.

 

Er sollte demnächst die Kerzen entzünden, aber vorher galt es etwas anderes zu tun.

 

„Es ist zum Schutz“, erläuterte Kurzon knapp und beobachtete, wie die Priesterin die Augenwinkel zusammenkniff.

 

„Zum Schutz? Für wen?“

 

„Für mein Schiff“, erwiderte der Kapitän netterweise, bevor er sich einer seiner Truhen zuwandte. Ohne sie aus den Augen zu lassen fand er, was er suchte. Er hob die schwere Eisenkette an und musterte die metallenen Manschetten nachdenklich. Tinwi waren kleiner als Araky, aber an ihrem Bein sollte es möglicherweise halten.

 

Als Kurzon sich wieder in die Mitte des Raums begeben und das eine Ende der Metallkette in einem Haken am Boden verankert hatte, sah er wieder zu ihr auf.

 

„Komm her.“ Sein Tonfall machte unmissverständlich klar, dass er keinen Widerspur dudelte, aber die Priesterin presste ihre Ohren – falls es überhaupt möglich war – noch dichter an ihren Kopf und vergrub sie dadurch in ihren dichten, dunkelbraunen Haaren.

 

Ihr entwich ein tiefes, kehliges Knurren. Eindeutig ein Warnlaut der Kurzon einen spöttischen Laut entlockte.

 

Weder dürfte sie sich erfolgreich zur Wehr setzen können, noch ihn wirklich verletzen. Ihre spitzen Krallen mochten ihm zwar die Haut aufschlitzen, aber er würde ihr - wenn überhaupt - nur ein einziges Mal die Möglichkeit dazu geben.

 

Von den Tinwi-Soldaten wusste er, dass sie flink waren, schnelle Reflexe, die er sich selbst über Jahrzehnte nicht hatte antrainieren können. Dafür war der Vorteil von körperlicher Überlegenheit auf seiner Seite.

 

„Ich werde dich nicht berühren, kleine Füchsin“, grollte er und beobachtete wie sich ihr ganzer Körper anspannte. „Nicht einmal dann, wenn du es willst.“

 

Ihr Gesichtsausdruck wechselte schlagartig von Wachsamkeit zu Besorgnis. Erst jetzt schien ihr klar zu werden, was es für sie bedeutete, sich außerhalb ihres Tempels und dem gewohnten Alltag zu bewegen. Ihr Blick huschte hektisch durch den Raum, bevor er wieder bei ihm endete.

 

„Wo sind meine Schwestern?“, verlangte sie zu wissen. Ihre Stimme war samtig, für ihre Statur überraschend tief und zeigte wenig von der Angst, die ihr deutlich ins Gesicht geschrieben stand.

 

„Unter Deck“, war Kurzons knappe Antwort, bevor er die metallene Manschette mit Nachdruck auf den Boden donnerte. Die Fuchsin zuckte zusammen, rappelte sich jedoch langsam auf. Eine ihrer Hände umklammerte die Kante seines Schreibtisches.

 

„Ich will zu ihnen!“, forderte sie und Kurzon kniff in Anbetracht ihres herrischen Tonfalls die Augenwinkel missmutig zusammen.

 

„Nein“, erwiderte er finster und stand ebenfalls auf. „Und zwing mich nicht, mich zu wiederholen, kleine Füchsin. Es würde dir nicht gefallen.“

 

Ihre goldenen Augen huschte zu seiner Hand, in der er immer noch die Manschette hielt. Ihre Nasenflügel blähten sich. Es kostete sie wohl einiges an Überwindung, ihren nächsten Protest hinunterzuschlucken, denn sie brauchte einige Herzschläge, bis sie zaghaft nickte. Ihr Kopf sank nach vorn und Kurzon schnaubte ungeduldig.

 

Dann setzte sie sich in Bewegung, nur nicht so, wie er erwartet hatte. Blitzschnell griff sie nach dem massiven Kerzenhalter auf seinem Schreibtisch und warf ihn zielsicher in sein Gesicht. Kurzon wehrte das schwere Metallgestell mit einem ungehaltenen Fluch ab und sah vor Wut schäumend auf. Die Priesterin hatte seinen unachtsamen Moment dafür genutzt um ihn zu passieren und steuerte die offen stehende Kabinentüre im Sprint an. Kurzon machte auf dem Absatz kehrt, ließ die Manschette fallen und setzte ihr nach.

 

Sie mochte schnell sein, aber sie war kleiner und das lange Gewand war ihr im Weg. Kurzon erreichte sie, kurz bevor die Priesterin den Durchgang passieren konnte, griff in ihre Haare und zerrte sie ungeachtet ihres lauten Protestschreis zurück.

 

Er donnerte die schwere Holztür zu und presste ihr Gesicht dagegen. Ihre Finger bohrten sich in seine Hand, die spitzen Krallen stachen schmerzhaft in seine Haut, aber Kurzon konnte diese Kleinigkeit gut ignorieren.

 

Die Füchsin wand sich unter seinem Griff und ihr bauschiger Fuchsschwanz peitschte von einer Seite zur anderen. Wogegen er jedoch eindeutig keine Einwände hatte, war ihr Hinterteil, das sich immer wieder an seinem Schritt rieb.

 

Ein wenig atemlos, was nichts mit der kleinen Jagd gerade zu tun hatte, lehnte er sich noch mehr gegen sie und schob seine Nase dicht an ihr Ohr.

 

Der Duft von Apfelblüten umgab sie und Kurzon atmete tief ein, bevor er schnaubend wieder ausatmete.

 

„Du solltest mich nicht verärgern, kleine Füchsin!“, knurrte er ihr ins Ohr und spürte, wie sie für einen Moment in der Bewegung innehielt.

 

„Wie könnt Ihr es wagen, heiligen Boden zu entweihen! Die Göttin wird Euch alle dafür bestrafen.“

 

„Glaube mir, die Göttin wird nichts dergleichen tun. Kebnekaja ist ein gottloses Land“, raunte er, bevor er sich ruckartig zurückzog und die kleine Füchsin mit sich.

 

Er zerrte sie achtlos durch die Kabine, verpasste ihr einen Tritt in die Kniekehle und beförderte sie damit unsanft auf den Boden.

 

In dem Moment erschien es ihm als zwecklos zu versuchen, ihr die Manschette an einem ihrer Beine zu befestigen, die vermutlich sowieso zu groß war. Wenn die Priesterin nicht stillhalten wollte, war es nicht sein Problem. Also drückte er ihren Kopf auf den Boden und legte die schweren Metallbögen um ihren Hals. Mit einem leisen Klick schloss sich der Schließhaken und die Gewissheit, dass sie sich nicht einmal mit viel Mühe herauswinden konnte, beruhigte ihn.

 

Sie würde kaum eine Armlänge Bewegungsfreiheit haben, also nicht aufstehen können. Vielleicht wäre das auch ganz gut so, wenn sie sich weiterhin als so wehrhaft erwies. Mit der kurzen Kette konnte sie jedenfalls an keine brauchbaren Waffen mehr kommen.

 

Seine Finger krallten sich immer noch in die weichen Haare und die Priesterin hatte es mittlerweile aufgegeben, sich zur Wehr zu setzen. Vermutlich fügte er ihr genug Schmerzen zu, damit ihr Widerstand für den Moment gebrochen schien.

 

Neugierig wanderte seine Aufmerksamkeit zu der kleine Verletzung, die ihr Adesol zugefügt hatte, bevor sein Blick ihren nackten Rücken entlang wanderte.

 

Sie hatte eine bemerkenswert schmale Taille und ein noch hübscheres, recht üppiges Hinterteil, dass nur spärlich von dem dünnen Stoff bedeckt war. Ihr Fuchsschwanz hing bewegungslos an der Seite herab, nur die Spitze zuckte unruhig. Kurzon hätte seine Finger gerne über die helle Haut streifen lassen, bis zu dem Stück Stoff, dass seinem Blick noch im Weg war. Er hätte das Kleid über ihr Hinterteil gezerrt und ihr ein oder zwei harte Schläge verpasst. Als kleine Strafe dafür, dass sie seine Hand zerkratzt hatte.

 

Allein bei dem Gedanken wich seine Wut und machte Erregung Platz. Vielleicht sollte er das später nachholen.

 

Nur ungern ließ Kurzon sie los, wich belustigt ihrem mit Krallen gespickten Schlag aus und stand auf. Er steuerte den hinteren Teil seiner Kabine an und hörte die Priesterin zu seinen Füßen schluchzen. Ob nun vor Wut, Schmerz oder weil er ihren Stolz verletzt hatte, wusste er nicht und es interessierte ihn auch nicht.

 

Nachlässig griff er nach einer Decke auf seinem Bett und warf sie der Priesterin zu, bevor er endgültig seine Kajüte verließ.

 

Genau in dem Moment, als er die Türe hinter sich zu riss, eilte Zardian auf ihn zu.

 

„Alle an Bord, Kapitän.“

 

„Gut“, erwiderte Kurzon knapp und warf einen letzten Blick auf den Tempel. Er roch Rauch und konnte den ein oder anderen Vorhang dabei beobachten wie er in Flammen aufging. Viel würde weder von dem Tempel noch von der Stadt übrig bleiben, wenn die Feuer einmal niedergebrannt waren.

 

Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Steuerbordseite. Noch hing keines der anderen Luftschiffe am immer dunkler werdenden Himmel. Der schmale Streifen der scheinbar ertrinkenden Sonne, tauchte das wogende Meer in tiefstes Rot und lange Schatten zeichneten sich am Horizont ab.

 

„Kurs setzen!“, bellte er so laut, dass ihn jeder einzelne seiner Männer vermutlich noch unter Deck hörte.

 

Seine Mannschaft bestätigte seinen Befehl und machte sich eilig daran ihm nachzukommen.

 

 

 

 

 

Mittlerweile funkelten zahllose Sterne am Firmament und Kurzon gönnte sich einen letzten tiefen Atemzug, bevor er den Blick endgültig abwandte. Der Tag war lang und anstrengend gewesen. Sein Schiff hatte sich weit genug von Brerith entfernt, damit keine Gefahr mehr von der Stadt drohte. Die Tinwi wären sowieso mehr damit beschäftigt ihre Wunden zu lecken, als ihnen zu folgen. Außerdem waren da noch die Schiffe der anderen Klans, an denen die durchaus spärliche Flotte der Tinwi erst einmal vorbei gemusst hätte.

 

Kurzon hatte es geschafft. Erleichterung durchdrang seine Gedanken und er gönnte sich seit Wochen das erste Mal einen Moment der Ruhe. Er hatte seinem Klan einen entscheidenden Platz in der Angriffshierarchie der Araky-Flotte verschafft, er hatte den Tempel für sich einnehmen können und war jetzt hoffentlich das erste Schiff, dass im Hafen von Galadhor einlaufen würden. Er hatte einen wahren Schatz an Bord. Die Leute würden ihm die Priesterinnen zu horrenden Preisen abkaufen. Und für den Gegenwert, den ihm die kleine Füchsin in seiner Kajüte einbrachte, könnte er sich ein weiteres Schiff leisten.

 

„Bring mir etwas zu essen“, befahl er in Richtung einer seiner Männer, bevor er auf dem Absatz kehrt mache und sein Quartier ansteuerte.

 

Ein zweites Schiff, dass seinen Klan stärken würde, ihnen mehr Möglichkeiten geben würde, sich gegen die anderen Klans zu behaupten, größere Aussichten auf Wohlstand und Sicherheit.

 

Kurzon stieß die Türe seiner Kajüte auf, die scheppernd gegen die Wand prallte. Im Dunkeln der Kajüte konnte er die Priesterin sofort ausmachen. Ihre Augen fingen das Licht der Sterne ein und glitzerten geisterhaft.

 

Zuerst wandte er sich seinem Schreibtisch zu, der direkt vor den mit dünnem Glas eingefassten Fenstern stand. Er griff nach dem Zündstein und entfachte eine der Kerzen auf dem Kerzenleuchter. Das warme Licht warf lange Schatten im Raum, selbst als Kurzon die Kerzen auf dem kleinen Esstisch und neben seinem Bett angezündet hatte. Die Tinwi zu seinen Füßen bewegte sich keinen Millimeter, jedenfalls hörte er nicht einmal Stoff rascheln, aber sie folgte seinen Bewegungen wachsam mit den Augen.

 

Als einer seiner Männer mit einem Klopfen durch die geöffnete Kabinentüre trat, wusch Kurzon sich gerade das Gesicht mit kaltem Meerwasser.

 

„Ich habe einige Leckereien vor den hungrigen Mäulern der Mannschaft gerettet, Kapitän.“ Kurzon musste nicht aufsehen, um zu wissen, dass es Zadian war. Er stellte das voll beladene Tablett auf den Esstisch und verharrte einige Augenblicke. Als Kurzon ihn mit einem grollenden Laut entließ, erwischte er den jungen Araky dabei, wie er die Priesterin am Boden musterte, sich dann aber eilig abwandte und verschwand.

 

Kurzon drückte mit einem weiteren missmutigen Schnauben die Türe zu, bevor er sich das Essen besah. Frisches Brot, in Honig eingelegte Früchte, gepökeltes Fleisch, eingelegtes Gemüse von denen er nur die Hälfte kannte, cremiger Kräuterkäse und salzige Butter. Nur der Wein war aus Kebnekaja.

 

Mit einem zufriedenen Schnauben ließ er sich auf den Hocker fallen und griff nach Becher und Karaffe. Der Wein war herb und stark, als er seine Zunge benetzte und einen Durst löschte, den er zuvor gar nicht bemerkt hatte.

 

Das dunkle Brot war überraschend weich und er tunkte es in den Kräuterkäse der für seinen Geschmack ein wenig zu sauer war.

 

Eine Weile genoss er das Essen und hing seinen Gedanken nach. Sie hatten weniger Rückenwind als erhofft. Morgen früh wüsste er mehr, welche Strecke das Schiff zurückgelegt hätte. Weniger Südwind bedeutete aber auch, dass die Unwettergefahr sich an der Küste von Kebnekaja minimierte, also mussten sie voraussichtlich keinen Umweg einschlagen.

 

„Könnte ich…“ Die Priesterin unterbrach sich, als Kurzons Blick sie traf. Sie hatte sich mittlerweile aufgerichtet, die Decke jedoch eng um sich gewickelt. „…etwas zu trinken haben? Bitte.“

 

Kurzon musterte ihre Mimik, die leicht schrägen Augen, die ihr nur noch mehr das Aussehen einer Füchsin verlieh, als anderen Tinwi, waren leicht gerötet.

 

Offensichtlich hatte sie sich beruhigt und versuchte es jetzt mit Höflichkeit. Nun, ihm sollte es recht sein.  

 

Kurzon nickte knapp, bevor er seinen Becher leerte, ihn erneut mit Wein füllte und ihn der Priesterin reichte.

 

Die Tinwi nippte an dem Becher, schluckte und hustete, dass ihr sogar die Tränen in die Augen schossen.

 

„Ihr trinkt wohl nicht viel Alkohol“, stellte er belustigt fest, riss ein Stück Brot ab und hielt es ihr fragend entgegen. Sie schüttelte den Kopf, dass ihr die dunkelbraunen Haare ins Gesicht fielen, bevor sie einen weiteren Schluck trank. Diesmal unterrückte sie den Husten und räusperte sich stattdessen.

 

„Wir trinken überhaupt keinen.“

 

Der Gedanke nur mit Wasser abgespeist zu werden, widerstrebte Kurzon so sehr, dass ihm ein verächtlicher Laut entwich.

 

Eine Zeit lang herrschte wieder angenehme Stille im Raum. Kurzon beendet sein Essen und beobachtete dabei wie die Priesterin den Becher nach und nach leerte. Ihr Blick waren ziellos auf den Boden gerichtet und ihre Ohren leicht aufgestellt, ein Zeichen dafür, dass sie sich etwas entspannte.

 

Der schwere Wein musste ihr ordentlich in den Kopf steigen.

 

Die vorher blassen Wangen waren jetzt deutlich gerötet, sogar die flache Nasenspitze. Ihre dünnen Lippen waren leicht geöffnet und zuckte dann und wann, als führe sie ein stummes Zwiegespräch mit sich selbst.

 

Kurzon ertappte sich dabei, wie er sich an der Decke störte, die ihren Leib umhüllte. Sie hatte schöne Kurven.

 

Als sie den leeren Becher vor sich abstellte, rutschte ihr die Decke über eine Schulter und enthüllte dabei die volle Rundung ihrer Brust.

 

Nur Mühsam widerstand er dem Drang, ihr den dünnen Stoff vom Leib zu reißen.

 

Er wollte seine Hand so fest in das weiche Fleisch krallen, dass es zwischen seinen Fingern herausquoll und seine Fingernägel so nachdrücklich in ihre helle Haut krallen, dass sie noch Tage später Abdrücke zierten.

 

Allein bei der Vorstellung beschleunigte sich sein Herzschlag und er leckte sich gierig über die Lippen.

 

Mit einer Priesterin zu schlafen soll ein außergewöhnliches Erlebnis sein.

 

Aber sie war eine Schamanin, keine ausgebildete, aber sie hatte die Begabung. Es war ungesund und bisweilen sogar tödlich, eine Schamanin zu verärgern. Andererseits wollte er sie eindeutig nicht zu seinem Klan bringen.

 

Irgendeiner der anderen Klans würde sie kaufen. Vielleicht der Kriegsklingenklan.

 

Sie würden die Priesterin von einem Schlachtfeld zum anderen zerren, wie einen Hund an der Leine, bis entweder ihr Geist oder ihr Körper den Kräften nicht mehr gewachsen war. Sie wäre binnen weniger Jahre verschlissen und der Kriegsklingenklan würden sie zum Sterben zurücklassen.

 

Wäre beinahe schade um sie.

 

Mit einem missmutigen Laut stemmte er sich auf, griff nach dem leeren Becher und stellte ihn auf sein Tablett. Nebenbei löschte er die Kerzen auf den Tischen und öffnete anschließend die Schnallen der Lederriemen, die sich über seine Brust spannten und die Schulterpanzerung an Ort und Stelle hielt.

 

Er legte die lederne Rüstung sorgfältig beiseite, gefolgt von den Armschienen, Handschuhen und Waffengurt, bevor er sich die Stiefel abstreifte.

 

Als er sich umdrehte starrte die Priesterin ihn ganz entgegen seiner Erwartungen an und blinzelte träge. Ihre Augen waren riesig, was dem schummrigen Licht und ihrem Alkoholpegel im Blut verschuldet war.

 

Müde sank er auf sein Bett, entledigte sich seiner Hose, die er über einen Bettpfosten legte und blies die letzte Kerze im Zimmer aus, bevor er in die Kissen fiel.

 

 

 

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