Die Gnade der Göttin


1. Kapitel

Araky

 

 ~o~O~o~

 

„Cyla…“, raunte Amos in ihr Ohr.
Seine Stimme klang rau, keuchend und sehnsüchtig. Er benutzte ihren Namen nie, außer in solchen Momente.
Sie konnte seine Anspannung auf jeder Stelle ihres Körpers spüren, an denen er sie berührte. Es war wie ein vibrierendes Summen, das sich in jede ihrer Zellen ausbreitete.
Er drückte sie mit seinem gesamten Gewicht in die weichen Laken, vergrub sein Gesicht in ihrem Nacken und krallte begierig eine Hand in ihr Becken. Sein Bauch schabte über ihren Rücken, als er erneut in sie eindrang und allmählich seine Selbstbeherrschung ablegte.
Cyla hätte zu gerne sein Gesicht dabei gesehen. Mit den rotblonden Haaren und den blauen Augen wirkte er trotz den Fältchen in seinen Augenwinkeln jungenhaft.
Da konnte selbst die Narbe die sich über seine linke Wange bis zu seiner Oberlippe zog nichts daran ändern.
Aber er wollte nicht, dass sie ihn dabei ansah, also tat sie ihm den Gefallen.
Wie jedes Mal.
Behutsam öffnete sie ihren Geist, zuerst nur ein wenig, bevor er sich vollständig öffnete. Sie konnte  Amos Erregung spüren, die sich in ihrem Bauch ausbreitete, wie ein Schwarm Schmetterlinge. Ihre Finger begannen zu kribbeln und sie keuchte gegen die weißen Laken unter sich.
Ohne, das es Amos wahrgenommen hätte, spiegelte sie seine Emotionen und steigerte damit auch ihre Ekstase ins Unermessliche.
Wie ein reißender Fluss, rissen die Empfindungen sie mit.
Cyla wusste, dass er es genoss. Jedes Mal aufs Neue und, dass es ihn süchtig nach ihr machte. Aber sie konnte nicht anders.
Bei keinem anderen Bittsteller wagte sie es, sich so weit zu öffnen.
Nur bei ihm.
Begierig hob sie ihr Becken und kam Amos damit entgegen. Er drang mit einem klatschenden Geräusch in sie ein, nur um sich keine Sekunde später zurück zu ziehen und die Bewegung gierig zu wiederholen.
Cyla schloss ihre Augen und genoss das Gefühl ausgefüllt und begehrt zu sein. Der Sturm der sich in ihrem Unterleib ausbreitete überrollte sie, riss sie mit sich und raubte ihr sämtliche Sinne.
Sie nahm nur noch Amos Berührungen war, wie er seine Finger in ihre Haut grub und gegen ihren Nacken stöhnte.
Sein Duft der sie an Ebenholz und zerdrücktes Gras erinnerte, weckte das Verlangen in ihr, ihn zu küssen und seine Haut zu schmecken.
Aber alles was sie erreichen konnte war sein Arm, mit dem er sich neben ihrem Kopf abstütze. Ohne Weiteres griff sie danach und zog seine Hand dicht an ihr Gesicht. Amos tat ihr den Gefallen, beugte seinen Arm, verlagerte sein Gewicht auf den Ellbogen und drückte dabei gleichzeitig seine Nase in ihre kurzen, braunen Haare.
Cyla dagegen schob ihr Gesicht gegen seine Handfläche und leckte darüber.
Sie schmeckte Salz und Seife.
Seine Finger krümmten sich ein wenig, schoben sich über ihre Wange.
Bevor er erneut ihren Namen raunte und Cyla damit einen Schauer über den Körper jagte, der in einer Welle der Lust unterging.
Sie konnte spüren, wie seine Hand an ihrem Gesicht erstarrte, nur um ihr nicht weh zu tun, während seine Finger an ihrem Becken, sich tief in ihr Fleisch krallte. Amos drang in sie ein, diesmal unkontrolliert, drückte seine Stirn gegen ihren Nacken und schrie auf, als ihn der Höhepunkt überrollte.
Cyla folgte ihm keinen Herzschlag später, ihr Körper zuckte hemmungslos, während sie gegen seine Hand stöhnte und Amos gleichzeitig in sich pulsieren spürte.
In diesen Moment – das wusste sie - war sie der Göttin nie näher. Cyla konnte nicht anders, als zu lächeln, während sich in ihrem Inneren eine allumfassende Zufriedenheit und Glückseligkeit ausbreite.
Sie wusste, dass es Amos nicht anders erging, als er sich mit einem tiefen Seufzen auf die Seite wälzte und erschöpft neben ihr liegen blieb.
Behaglich kuschelte sie sich in seinen ausgestreckten Arm, drückte sich gegen seine Seite und fing an leise vor sich hin zu schnurren. Ihre Finger wanderten verspielt über seine Brust und zupften an den rotblonden Härchen auf seinem Bauch.
Sie hörte Amos verhalten Lachen, bevor er den Kopf zu ihr drehte und sie ansah. Sein Blick war verhangen und seine Fuchsohren zuckten sacht. Sie überlegte, ob sie es wagen sollte, ihn zu küssen, ließ es dann aber auf sich beruhen. Amos hellblaue Augen ruhten eine Weile auf ihr, während seine disziplinierte Miene zurückkehrte.
Als er sich auf wälzte und an der Bettkante sitzen blieb, tat Cyla es ihm gleich.
Sie umrundete das Bett und warf gleichzeitig einen kurzen Blick durch die dünnen Vorhänge.
Die Sonne war am untergehen und tauchte den Himmel in ein tiefes Rot. Als sie auf Amos´ Seite ankam, griff sie nach dem Wasserkrug auf dem Waschtisch und schüttet etwas davon in die Schale daneben. Mit einem Blick über ihre Schulter signalisierte sie Amos, dass er es benutzen konnte.
Er stand behäbig auf, dankte ihr mit einem kaum merklichen Nicken und trat an den Waschtisch.
Um ihrem Gast ein wenig Privatsphäre zu gönnen, fasste Cyla nach dem Vorhang, der den Waschbereich vom Rest des Zimmers abschirmte und zog daran.
Sie konnte nicht anders, als Amos dabei zu beobachten, wie er sich über die Waschschüssel beugte. Seine Muskeln auf dem Rücken zeichneten sich deutlich unter der hellen Haut.
Eine tiefe Narbe breitete sich über seine Rippen aus. Sein bauschiger Katzenschwanz, der dieselbe Farbe wie sein Haupthaar und seine Ohren hatte zuckte behutsam. Die weiße Spitze reichte beinahe bis auf den sauber geschrubbten Steinboden.
Cyla hätte ihm eine Ewigkeit dabei zu sehen können, aber sie besann sich eines besseren und schloss den Vorhang gewissenhaft.
Amos fühlte sich unbehaglich, wenn sie ihm beim waschen und anziehen zusah, also gab sie ihm die nötige Ruhe.
Wie immer.
Auf leisen Sohlen umrundete sie das Bett, während sich ihre Ohren verselbstständigten und zurück drehten. Sie lauschte seinen Bewegungen, dem leisen plätschernden Geräusch, als er Wasser schöpfte, sogar das verhaltene, zufriedene Seufzen nahm sie wahr.
Ein weiteres Lächeln huschte über ihre Lippen, bevor sie sich der zweiten Wasserschüssel im Zimmer zuwandte.
Cyla wusch sich Hände und Gesicht und zwischen den Beinen. Aber gerade ihren Hals und ihre Schultern ließ sie aus. Sie rochen nach Amos und sie wollte mit dem Duft seiner Haut heute Abend einschlafen.
Es war albern, das war ihr schon seit längerem klar, aber es war ihr kleines Geheimnis, das selbst die Göttin nicht wusste. Jedenfalls hoffte sie es.
Verträumt griff sie nach der dunkelgrünen, reich verzierten Tunika und zog sie mit geübten Fingern an.
Anschließend warf sie einen schnellen Blick in den angelaufenen Spiegel an der Wand, fuhr mit den Fingern kurz durch ihre Haare und lächelte zufrieden.
Jedes Zimmer hatte einen Ausgang zu dem dicht bewachsenen Balkon, der den Tempel zu allen Seiten umgab.
Sie verließ den Raum und ließ Amos allein.
Er wusste, wo er sie finden würde.
Genüsslich atmete sie die salzige Luft ein. Cylas Blick wanderte über den Horizont. Es war kaum zu sagen, wo das Meer aufhörte und der Himmel anfing. Ihre Schritte trugen sie zur Brüstung und sie lauschte dem Rauschen der Wellen, die weit unter dem Tempel gegen Klippen schlugen. Eine angenehm kühle Brise streifte ihre Haut, zupfte an ihrem Gewand und brachte erneut ihre Haare in Unordnung.
Die Pflanzen um sie herum wogten im Wind und die dünnen Tücher, die als Trennwände dienten, flatterten und bauschten sich auf, bevor sie wieder in sich zusammen fielen.
Als sie schwere Stiefel auf dem steinernen Boden hörte, drehte sie sich und unterdrückte ein breites Grinsen.
Amos sah in seiner Rüstung, die ihm als Hauptmann der Wache von Brerith zustand, wirklich eindrucksvoll aus.
Glänzendes, grünes Vetrinum aus der seine Brustplatte, Arm- und Beinschienen bestanden, glänzten in der abendlichen Sonne.
Seine Brustplatte war geprägt von zwei ineinander verschlungenen, sich bekämpfenden Seeschlangen. Dunkles Leder und beinahe nachtschwarzer Pelzbesatz ließen ihn durchaus bedrohlich erscheinen. Er kam mit zügigen Schritten auf sie zu. Das Schwert an seiner Seite schlug in regelmäßigen Abständen gegen seinen metallbesetzten Stiefel und ließ ein helles Geräusch erklingen.
Amos Gesichtszüge waren wieder mit Disziplin durchzogen, wirkten ihr gegenüber jedoch ein wenig unsicher.
Ein beinahe schüchternes Lächeln huschte über seine Lippe, bevor er vor ihr auf ein Knie sank, seine Stirn gegen ihren Bauch lehnte und seine Ohren zurückklappte.
„Ich danke dir für die Gnade der Göttin, Priesterin.“ Sein Fuchsschwanz zuckte unruhig über den Boden und Cyla legte bedächtig eine Hand auf seinen Kopf. Kaum merklich wanderten ihre Finger durch die kurzen, rotblonden Strähnen. Erst, als sie ihre Hand wieder löste, sah der Hauptmann zu ihr auf. Seine hellblauen Augen leuchteten im Abendrot, die schmalen Schlitze seiner Pupillen beobachteten sie einen Moment.
Dann stand er auf und machte achtsam einen Schritt zurück.
Er legte die rechte Hand auf seine Brust und neigte den Kopf tief nach vorn. Mit einer respektvolleren Geste hätte er sie nicht verabschieden können und doch wäre ihr ein Kuss lieber gewesen. Wie albern diese immer währenden Gedanken waren, wusste sie nur zu gut. Seine Frau verabschiedete man so oder seine Geliebte, aber keine Priesterin.
Die Erkenntnis, dass sie für Amos nie eine Frau, noch nicht einmal eine Geliebte sein würde, schnürte ihr auch nicht zum ersten Mal die Kehle zu.
Sie schluckte die Traurigkeit mühsam hinunter und zwang sich zu einem Lächeln. Gerade rechtzeitig, denn Amos richtete sich wieder zur Gänze auf. Sein Blick streifte sie, und Cyla hätte schwören können, das so etwas wie Schwermut darin lag, ehe der Hauptmann der Wache auf dem Absatz kehrt machte.
Es tat ihr jedes Mal weh, wenn er ging, auch wenn sie wusste, dass keine zehn Tage vergehen würden, bis ihn sein Weg wieder zu ihr führen würde.
Er hatte sich erst wenige Schritte entfernt, als er Mitten in der Bewegung inne hielt. Cyla musterte seinen Rücken stirnrunzelnd und beobachtete, wie seine Ohren zuckten. Erst einen Augenblick später konnte sie es auch hören. Rufe. Nein, Schreie und… Metall auf Metall. Kampflärm! Hier?
„Das ist unmöglich…“, flüsterte sie und beobachtete, wie sich Amos wieder zu ihr umdrehte. Genau in diesem Moment tauchte ein riesiges Luftschiff dicht neben dem Balkon auf, verdeckte den gesamten Abendhimmel und warf bedrohliche Schatten.
„Rein! Sofort“, schrie Amos und rannte auf sie zu. Sein Tonfall ließ keinen Zweifel an der Dringlichkeit aufkommen. Cyla drehte sich um und steuerte den mit flatternden Stoffbahnen verhangenen Durchgang in das nächstgelegene Zimmer an.
Amos holte sie ein, als sie orientierungslos neben dem Bett stehen blieb. Ihr Blick fiel auf zerwühlte Laken, als ein dumpfer Aufprall auf dem Balkon ihre Aufmerksamkeit forderte. Ein angespannter Blick über ihre Schulter ließ Cyla keuchen, während Amos mit der behandschuhten Hand ihren Oberarm umschloss.
Eines dieser doppelt gehörnten, riesenhaften Wesen war gerade auf den Balkon gesprungen. Cyla stockte der Atem, als sie die wuchtige Axt sah, die vermutlich selbst Amos kaum zu heben vermochte. Das Gesicht des Wesens war unter einem Geflecht aus Narben, dunkler Farbe und in die Haut eingelassene Metallstäbe und Spiralen kaum zu erkennen.
„Verdammte Araky“, knurrte Amos und zog Cyla in Richtung des Flurs.
„Das würden sie nie wagen“, presste sie atemlos heraus und folgte dem Hauptmann.
„Sie tun es gerade. Wir müssen Alarm schlagen.“ Amos sah sie beschwörend an, bevor Cyla klar wurde, was er wollte. Jedes hohe oder wichtige Gebäude in Brerith hatte eine Glocke und der Tempel der Göttin lag auf der höchsten Klippe.
„Hier entlang.“ Cyla rannte los und steuerte die nächstgelegene Treppe an. Sie mussten ein Stockwerk nach oben. Dort, wo sich die privaten Räume der Priesterinnen, sämtlicher Diener des Tempels und Arbeiter befand.
Cyla hob ihren Rock an und rannte die steilen Stiegen hinauf. Sie erreichten gerade das nächstgelegene Stockwerk, als ein Araky durch die Öffnung polterte.
Cyla stolperte zurück und sah aus dem Augenwinkel Amos an sich vorbei stürmen. Zeitgleich erklang das schleifende Geräusch, als Amos sein Schwert aus der Scheide zog um auf den Hünen loszugehen.
Der Araky war mindestens zwei Köpfe größer als Amos selbst und Cyla hielt es für schieren Selbstmord, was der Hauptmann gerade im Begriff war zu tun.
Das grün schimmernde Schwert krachte gegen einen Kampfstab, dessen Länge in der Enge des Treppenhauses durchaus hinderlich war.
Mit der Wucht, mit der der Araky zuschlug, verhakte sich eine der Klingen in der Wand. Amos nutzte die Gelegenheit, tauchte unter dem Stab und gleichzeitig seinem Gegner durch.
Das nächste was Cyla wahr nahm, war das gurgelnde Geräusch, als Amos Schwert sich von hinten durch den Brustkorb des Araky bohrte. Dunkles Blut spritze aus der Wunde, als Amos seine Waffe mit einer energischen Geste zurück zog. Er verpasste dem Araky einen verächtlichen Tritt und dieser landete Bauchlinks vor Cylas Füßen.
„Weiter!“, herrschte Amos sie an und riss Cyla damit aus ihrer Starre. Sie nickte mechanisch, bevor sie an dem Araky vorbei stolperte und endlich den oberen Flur betreten konnte.
Panische Schreie empfingen sie und Cyla konnte und wollte nicht glauben, was gerade geschah.
Als sie an einer der geöffneten Türen vorbei stürmten, konnte sie gerade einen Araky dabei beobachten, wie er eine ihrer Schwestern in Richtung des Balkons zerrte.
„Weiter!“, befahl Amos ihr und erst jetzt bemerkte Cyla, dass ihre Schritte langsamer geworden waren.
„Es ist nicht mehr weit“, versicherte sie und zwang ihre aufkeimende Panik nieder. Es musste an ein Wunder ohnegleichen grenzen, dass ihr keiner der angreifenden Krieger entgegen kam, als sie endlich durch die Türe stürmte, die zu der Alarmglocke führte.
Von hier aus hatte man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt. Sie hatte sich in jungen Jahren gerne hier aufgehalten, ihren Gedanken nachgehangen und davon geträumt dort unten zu wohnen. Frei und ungebunden. Ohne Bürde und Gabe, die ihr den sicheren Tod einbringen würde, wenn sie sie je benutzen würde. Sie hatte die Gabe der Göttin im zarten Alter von 14 Jahren erhalten, während sie gleichzeitig seit Geburt an von ihr verflucht worden war.
Als sie endlich die Balustrade erreichte um die Glocke zu erreichen und ihr Blick auf die vertraute Ansicht von Brerith fiel, erstarrte sie.
„Warum…“, setzte Amos an, als er an ihre Seite trat um selbst die Glocke zu benutzen.
Cyla legte abwesend ihre Hand auf seinen Arm und erst jetzt fiel Amos Blick auf das Stadtpanorama.
„Bei allen Göttern…“, keuchte der Hauptmann und Cyla spürte wie ihr kalt wurde. Unzählige Luftschiffe schwebten über der Stadt und unzählige Feuer brannten Häuser nieder. Sie konnten den Kampflärm und die verzweifelten Schreie sogar bis hier her hören.
„Es kann niemand helfen…“ Cyla kämmte sich mit einer Hand die Haare zurück, während ihr Verstand zu rasen begann. Es gab einige wenige Wachen im Tempel.
Es war eine Ehre für die Garde der Stadt, meistens waren es die besten Soldaten, die Amos entbehren konnte, die hier Stellung bezogen. Aber sie waren eher dafür da, die Priesterinnen daran zu hindern, den Tempel zu verlassen, statt jemanden davon abzuhalten, ihn zu betreten. Sie brauchten nicht einmal all zu sehr Sorge zu tragen, dass ein Bittsteller unbequem wurde. Es gab niemanden, der es wagen würde, Hand an eine der Priesterinnen zu legen und dann hoffen konnte, noch mit dem Leben davon zu kommen.  
Außer die Araky, ihnen war es völlig egal und sie verschleppten ihre Schwestern um sie zu verkaufen, zu versklaven oder schlimmeres.
„Die Kinder!“, Cyla wirbelte herum und lief auf die wieder zugefallene, schwere Holztür zu, als sie von Amos abgefangen wurde. „Wir müssen zu ihnen!“, versuchte sie sich zu rechtfertigen und aus seinem Griff zu befreien. Dieser, wie jeder andere Tempel der Göttin beherbergte Kinder. Cyla selbst war als kleines Mädchen hier her gekommen und hier aufgewachsen. Die wenigen Erinnerungen an ihre Eltern oder ihre Heimat waren nur noch verschwommene Schemen.
„Wo sind sie?“, wollte Amos wisse, entließ sie jedoch nicht aus seinem Griff. Cyla war versucht ihm die Unterkunft der Kinder zu nennen, bevor sie sich eines Besseren besann.
„In der oberen Speisekammer. Es gibt dort eine kleine Kammer, in der sie sich immer verstecken… Sie ist drei Türen weiter, auf der linken Seite.“
Amos nickte steif, bevor er sie hinter sich schob und die Türe einen Spalt breit öffnete.
Er lauschte in den Flur und Cyla hielt den Atem an. Behutsam, um keinen Lärm zu machen stieß er die Türe auf. Sein Schwert klappte dabei zur Seite und berührte unbeabsichtigt Cylas Kleid.
Die messerscharfe und blutbesudelte Klinge hinterließ einen unansehnlichen dunkelbraunen Fleck auf ihrem Gewand, dass ihr die Übelkeit in die Kehle jagte.
Amos trat vorsichtig einen Schritt in den Flur und warf ihr einen angespannten Blick zu.
„Los!“, presste er hervor und Cyla hetzte an ihm vorbei. Die Speisekammer war großzügig angelegt und gut gefüllt. Es war nicht nur eine Ehre zu einer Priesterin ernannt zu werden, es war auch eine Garantie dafür nie wieder hungern zu müssen. Der Tempel hatte Früchte und Leckereien, die es selbst auf den zahlreichen Märkten in Brerith kaum zu kaufen gab.
Cyla suchte atemlos den Raum mit den Augen ab, bevor sie ihn durchquerte und die niedrige Türe im hinteren Bereich aufriss. Erschrockenes Keuchen empfing sie und Cyla atmete erleichtert aus, als sie fünf Augenpaare ängstlich anstarrten. Die Mädchen waren im Alter von fünf bis zwölf Jahren. Ab dem zwölften Lebensalter wurden sie zu Novizinnen geweiht und ab dem vierzehnten zu einer Priesterin.
„Der Göttin sei Dank… Sie sind hier.“
„Schließ die Luke wieder!“, zischte Amos über seine Schulter. Er hatte bis jetzt durch einen Spalt zwischen Türe und Rahmen auf den Gang gestarrt. Behutsam zog er die Türe der Speisekammer zu und Cyla beugte sich eilig zu den Mädchen hinunter.
„Seid leise. Ihr seid hier in Sicherheit. Ich komme euch wieder holen.“
„Versprichst du es?“, piepte Sahana, die jüngste der Fünf und Cyla nickte enthusiastisch, bevor sie sich zu einem Lächeln zwang.
„Versprochen und jetzt seid leise.“ Sie schloss die flache Luke eilig und zerrte einige lagernde Kisten davor. Nur so weit, dass die Araky hoffentlich keinen Verdacht schöpfen würde, aber die Mädchen die Kammer aus eigener Kraft wieder verlassen konnten.
Nicht zu früh, richtete sie sich auf. Die Türe wurde eingetreten, knallte gegen die Wand und hing anschließend schief in den Angeln. Einer der Hünen baute sich im Türrahmen auf und musterte Amos mit einem amüsierten Zug um die Lippen.
Der Hauptmann hatte sich mittlerweile einige Schritte zurück bewegt und hielt sein Schwert vor sich.
„Na, was haben wir denn hier… Ich hoffe Ihr habt Wein, oder trinken Tinwis keinen?“, grollte die tiefe Stimme des Araky durch den Raum.
„Nicht für ein solches Pack wie Euch!“, fauchte Amos und Cyla konnte deutlich sehen, wie er sich anspannte. Seine Ohren lagen flach am Kopf an und sein Fuchsschwanz zuckte nervös.
Die Speisekammer war noch enger, als das Treppenhaus zuvor. Cyla machte sich Sorgen, dass Amos diesmal nicht ein solches Glück gegen den Araky haben würde.
Der Araky lachte laut und dröhnend, bevor er einen Schritt zurück machte. Er schwang seine Doppelaxt mit einer Leichtigkeit, wie Cyla ein Tuch durch die Luft gewirbelt hätte.
„Komm kleiner Fuchs, lass uns das austragen, wie Männer.“ Dann verschwand er vom Eingang. Amos zögerte, bevor er sich in Bewegung setzte.
„Amos…“ Cyla wusste selbst nicht genau, was sie ihm hätte sagen sollen. Er warf ihr einen Blick zu und ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Lippen. Der einzige Gedanke, der Cylas Verstand in diesen Moment beherrschte war der, dass sie vielleicht zum letzten Mal in diese hellblauen Augen sehen würde.
„Bleib hier“, flüsterte Amos, bevor er den Raum vollständig verließ. Als das erste klirrende Geräusch erklang, dass Metall auf Metall verursachte, zuckte Cyla zusammen.
Sie konnte nicht anders, als sich lautlos zum Durchgang zu schleichen um einen Blick zu wagen. Der Flur war breit, breit genug, damit Amos mit seinem Schwert ausholen und den Hieben des Araky ausweichen konnte.
Nur dieser Hüne schien noch um einiges größer zu sein, als die anderen. Seine beinahe schwarzen Augen strotzen geradezu vor Selbstgefälligkeit. Er hatte sogar die Arroganz und verzichtete auf eine Brustplatte. Die Narben auf seinem Oberkörper, der ebenfalls mit dunkelroter Farbe verziert war, erzählen von zahllosen gewonnen Schlachten. Der Schulter und Armschutz war mit Stacheln besetzt, die durchwegs gefährlich aussahen.
Die beiden längeren, nach hinten geschwungenen Hörner waren mit gelbgoldenen Reifen verziert. Die gleichen metallenen Verzierung konnte Cyla an unzähligen Stellen seines Körpers wieder erkennen. An den Augenbrauen, den Wangenknochen, den spitzen Ohren, Mund, Brust. Es schien, als hätte er sich für jedes genommene Leben eine Symbol unter die Haut gejagt.
Dieser Gedanke war beängstigend, erstrecht, als sie Amos unter dem nächsten Hieb des Araky taumeln sah.
Der Hauptmann war kleiner, dafür aber wendiger, schneller. Der Araky brauchte Platz zum ausholen, aber die schiere Gewalt, mit der er die Schläge ausführte würde Amos irgendwann in die Knie zwingen.
„Habe ich dich, kleiner Fuchs“, grollte ein Araky dicht neben ihr. Eine Hand packte Cylas Arm und zerrte sie mit einer beängstigend Kraft zu sich.
„Nein“, keuchte Cyla und versuchte sich verzweifelt aus seinem Griff zu winden. Der Araky jedoch brauchte nur einen Arm, um sie an seine Brust zu drücken.
Panisch schoss Cylas Blick zu Amos, dem eben in diesem Moment das grün schimmernde Schwert aus den Händen geschlagen wurde.
„Amos!“ Sie registrierte, wie der Araky den Hauptmann mit der flachen Seite der Axt auf den Boden stieß und dann die oben angebrachte Klinge auf seiner Waffe auf Amos Hals ansetzte. Ein einziger Stoß und er würde sterben!
„Nein!“, kreischte Cyla. Ihre Stimme überschlug sich dabei und der herablassende Araky warf ihr sogar einen Blick zu, bevor er zufrieden Lächelte.
Der nächste Laut der aus Cylas Kehle drang, war eine wilde Mischung aus einem Grollen und einem Fauchen. Ihr Körper schien zu brennen und ihr Blick verschwamm, während der einzig präsente Gedanke der war, dass sie diesen Araky aufhalten musste. Erst einen Augenblick später bemerkte sie, dass ihr Wunsch sich erfüllte.
Die Wände und der Boden unter dem Araky platzten auf, bevor sich grüne Tentakel ihren Weg seine Beine hoch arbeitete. Die Pflanzenarme umschlangen seine Brust samt den Armen und drückten zu. Cyla konnte die Überraschung auf seinem Gesicht erkennen, bevor er gut zwei Schritt zurück gezerrt wurde.
Ein dritter Araky stürmte den Gang, hob geistesgegenwärtig sein Breitschwert und zerschlug die teilweise armdicken Schlingpflanzenstränge. Der Schmerz jagte unvermittelt durch Cylas Körper, als hätte er ihr gerade den Arm abgetrennt. Sie keuchte auf. In ihrem Kopf breitete sich eine unangenehme Taubheit aus, während der hünenhafte Araky sich mit einer geschmeidigen Bewegung der grünen Tentakel entledigte.
Amos hatte die Zeit genutzt, sich aufgerappelt und nach seinem Schwert gegriffen.
Nur jetzt stand er tatenlos Mitten im Flur und starrte Cyla an.
Sein Blick drückte maßloses Entsetzten und Enttäuschung aus.
Cyla Verzweiflung nahm zu. Amos würde sie nie wieder so ansehen, wie früher. Die Scham darüber, was sie ihm gerade offenbart hatte und das Leid, endgültig alles verloren zu haben, was ihr wichtig gewesen war, hinterließ ein hartes Knäul in ihrem Magen.
„Jax…“, grollte der Hüne hinter Amos und Cyla spürte, wie der Araky, der sie nach wie vor umklammert hielt, seinen Griff verstärkte. Er schnürte ihren Brustkorb ein, bis sie nicht mehr Atmen konnte.
Nackte Todesangst breitete sich in sämtlichen ihrer Glieder aus, während sie verzweifelt versuchte sich aus der Umklammerung zu befreien.
Erst jetzt schien Amos wieder zu realisieren, wo er war. Er wirbelte herum, aber zu spät. Der furchteinflößende Araky hatte sich ihm so weit genähert, dass er ihn in einer einzigen fließenden Bewegung am Kopf packte und ihn gegen die nächste Wand donnerte.
Das letzte, was Cyla sah, war, wie Amos lebloser Körper auf den Boden sackte. Dann umschloss sie Dunkelheit.

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Das 2. Kapitel ist mittlerweile auch online.